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  • Zur Rolle der Philosophie

    Zur Rolle der Philosophie

    Zur Rolle der Philosophie

    Es geht um die Frage nach dem „Ende“ aller „seitheriger“ Philosophie, wie es im gängigen Verständnis sinngemäß aus der deutschen Ideologie, der Feuerbachthese oder der Einleitung zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie entnommen wird. Hierbei geht es Marx selbstverständlich nicht um eine Verneinung der Philosophie als Ganzes oder des philosophischen Denkens bis dato, sondern vielmehr will…

    Julian Lämmrich

    In diesem Kommentar möchte ich kurz in eine Problemstellung einleiten, die unter anderem innerhalb des Lesezirkels in Leipzig angeschnitten wurde. Vorab sei erwähnt, dass es sich hier keinesfalls um eine ausführliche Darstellung oder gar Analyse dieser Problematik handelt, sondern lediglich ein paar Schlaglichter auf die m.E. relevanten Punkte dieser Frage- und Problemstellung geworfen werden.

    Es geht um die Frage nach dem „Ende“ aller „seitheriger“ Philosophie, wie es im gängigen Verständnis sinngemäß u.a. aus der deutschen Ideologie, der Feuerbachthese oder der Einleitung zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie entnommen wird. Hierbei geht es Marx selbstverständlich nicht um eine Verneinung der Philosophie als Ganzes oder des philosophischen Denkens bis dato, sondern vielmehr will er darauf hinaus, dass es um eine bestimmte Rolle und einen Zweck der Philosophie geht. Zusammenfassend lässt es sich mit der elften Feuerbachthese relativ sinnvoll bestimmen. Marx meint hier: „Die Philosophenhaben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Quelle: Thesen überFeuerbach – MEW Band 3, S. 7

    Es kam daraufhin zur Frage, ob es denn demnach auch eine explizit marxsche Methodik gäbe und ob Marx unter anderem aufbauend auf der elften Feuerbachthese, eine eigene Methode bzw. Methodik entwickelt hätte, bzw. Ansätze zu finden sind, wo man dies erkennen könne. Ausgangspunkt dieser Überlegung innerhalb des Lesezirkels war die entscheidende Pointe, die mit dem oben genannten Zitat deutlich wird: Philosophie muss als etwas Praxisbezogenes verstanden werden. Als Werkzeug für den Klassenkampf, wenn man so will.

    Was hierbei ebenfalls sehr deutlich wird, ist die Frage nach der Philosophie selbst. Also durch was und wie begründet sie sich eigentlich? Was und warum nennt man „Philosophie“ oder das „Philosophieren“. Es wird sehr schnell klar, dass es hier keine absolute und fixe Antwort gibt. Marx selbst hat sich dieser Fragestellung sehr arbeitsintensiv und systematisch angenähert, um nicht zu sagen: er hat aller seitherige Philosophie im Prozess der Auseinandersetzung mit der Philosophie als Philosophie aufgehoben. Das Prinzip der Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie spielt bei den philosophischen Frühschriften von Marx eine m.E. explizit und implizit zentrale Rolle. Ein schönes Beispiel dafür ist diese Formulierung aus der Einleitung zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie. Hier heißt es: „Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie,ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung desProletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.“ Quelle: ZurKritik der hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung – MEW Band 1, S. 391

    An dieser Stelle wird meiner Meinung nach schon sehr sichtbar, wie wichtig Marx die Bestimmung der Philosophie gewesen ist und wie er den Zusammenhang und damit auch die Widersprüchlichkeit der Philosophie zwischen Proletariat und Philosophie be- und anmerkte. Allgemeines Ziel unserer heutigen Beschäftigung mit der Frage rund um die dialektische Philosophie muss es sein, eine Form der Begründung darum zu entwickeln und herauszuarbeiten, wie und an welchen Stellen sich die dialektische Philosophie gesellschaftlich materialisiert, also faktisch politisch werden lässt.

    Marx war Schüler und Kritiker der klassisch bürgerlichen Philosophie, bzw. des deutschen Idealismus. Seine Bezugnahme auf ganz bestimmte Grundlagen und Erkenntnisse dieser Denkschule, ist bis heute relevant für unser Verständnis der marxistischen Philosophie. Ich denke, dass auf diesem Gebiet noch einiges an Reflexionsleistung erbracht werden muss, um besser zu verstehen, wie wir das Wesentliche der Methodik bei Marx und die Methodik als Wesentliches in der Philosophie selbst verstehen und bestimmen müssen. Der geschichtsphilosophische Zugang zu dieser Frage ist hierbei für mich entscheidend, denn nur im Verständnis einer bestimmten Entwicklung, also im Prozess, man könnte auch sagen: im Werden begriffen, wird es möglich sein, die Quellen und Bestandteile unserer Philosophie zu verstehen.

    Darin liegt meiner Meinung nach auch die Antwort auf die oben angedeutete Frage des Lesezirkels der eigenen Methode bei Marx oder beim Marxismus. Kern seiner Überlegung war es, die bis- oder seitherige Philosophie in ein Verhältnis zur Realentwicklung der materiellen Basis, bzw. dem revolutionären Subjekt der jeweiligen Epoche zu setzen und zu schauen, wie und ob sich daraus progressive Praxis entwickelt hat. Diese Parteilichkeit der Philosophie ist nichts rein Gedachtes, sondern etwas aus den Verhältnissen selbst Hervorgehendes, etwas notwendig Werdendes, d.h. im Klassenkampf Entwickeltes.

    Innerhalb dieses Versuchs bzw. im Herangehen an die Frage und die Philosophie zu Marxens Zeiten selbst und dem nicht abgeschlossenen, sondern lediglich aufgeworfenen und begonnenen Prozess des Aufhebens und Verwirklichens der Philosophie, liegt ebenso der Charakter der marxschen Philosophie, weil sie ein fundamental anderes Bild auf Geschichte, Gesellschaft und Methodik möglich und greifbar macht. Es ist sozusagen ein umgestülptes Verhältnis in Form eines Perspektivwechsels vom handelnden Subjekt zumObjekt möglich, das es erlaubt, nicht nur mehr zuzuschauen, sondern einzugreifen, weil das eigene Sein begründet ist im Werden und die Philosophie ab diesem Punkt keine Einzeldisziplin mehr sein kann, die sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, wie man das beispielsweise aus Strömungen der bürgerlichen Philosophie kennt, die in letzter Instanz immer die bestehenden Verhältnisse legitimieren oder „neu“ erfinden sollen.

    Zum Schluss möchte ich nochmal betonen, wie relevant die Beschäftigung mit der Rolle und dem Zweck derPhilosophie für uns als Kommunisten ist. Es geht darum, die Philosophie als etwas parteilich politisches zuverteidigen und den Moment des Aufhebens und Verwirklichens der Philosophie in den Vordergrund zurücken. Es ist deshalb von Relevanz, unsere weltanschauliche Grundlage des dialektischen Materialismusund die darin zur Geltung kommende materialistische Dialektik als Methode, vor den Vorstellungen einervon den Fragen unserer Zeit losgelösten Einzeldisziplin zu schützen, d.h. den Charakter der Philosophie im marxschen Sinne zu schützen. Dies gelingt nur dann, wenn wir die Philosophie als wesentlichen Bestandteil einer kommunistischen Organisation oder Partei verstehen und sie sich in den konkreten Erfahrungen und theoretischen Diskussionen entfalten kann, die zugeschnitten sind auf programmatische Schritte der Organisation selbst.

    Titelbild: Cover der 1. Auflage des Elend der Philosophie von Karl Marx, veröffentlicht auf Französisch im Jahr 1847, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mis%C3%A8re_de_la_philosophie.jpg (zuletzt aufgerufen am 16.11.2025)

  • Engels und der Anti-Dühring

    Engels und der Anti-Dühring

    Engels und der Anti-Dühring

    Referat gehalten von Herbert Münchow am 9.11.2025, im Rahmen des Modul 7 (Kampf in Bismarcks Reich). Hinweis: In diesem Text wurden Fragen und Hinweise aus der Diskussion berücksichtigt und ergänzt. Er ist deshalb umfangreicher als das aufgezeichnete Referat. Das Referat wurde auch auf Youtube veröffentlicht. Hier auch der Vortrag als PDF zum Download:

     

    Liebe Genossinnen und Genossen!

    Nachdem ich hier schon einmal über die Entstehung des „Kommunistischen Manifestes“ sprechen durfte, habe ich nun Gelegenheit, wieder zu euch zu sprechen. Ich knüpfe mit meinem Vortrag an eure Vorlesung vom 19. Oktober an, die Vorlesung zu Bismarck. Ebenso kann ich wohl anknüpfen an einige Zirkelveranstaltungen, die schon gelaufen sind.

    Wir wollen heute über ein Werk des Marxismus sprechen, von dem Lenin sagte, es gehöre zu den Handbüchern jedes klassenbewussten Arbeiters (LW 19/4). Es handelt sich also um ein Werk, das einen besonderen Platz in der Geschichte des Marxismus einnimmt. Gemeint ist der „Anti-Dühring“ von Friedrich Engels (und wir dürfen ergänzen, unter Mitarbeit von Karl Marx, der Material sammelte, dem Engels das Manuskript vorgelesen hat und der das X. Kapitel zur Geschichte der politischen Ökonomie verfasste). Genauer Titel: „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Philosophie. Politische Ökonomie. Sozialismus“. In der DDR fanden mehrere wissenschaftliche Konferenzen zum „Anti-Dühring“ statt. Sie alle bestätigten Lenins Einschätzung: In diesem „erstaunlich inhaltsreichen und lehrreichen Buch … werden die tiefsten Probleme der Philosophie, der Natur- und Gesellschaftswissenschaft untersucht.“ (LW 2/11)

    Als Buchausgabe in erster Auflage ist der „Anti-Dühring“ 1878 in Leipzig erschienen und wurde ausführlich im „Vorwärts“ dem Zentralorgan der dt. Sozialdemokratie rezensiert. Zuvor wurde er stückweise als Artikelfolge ab Juli 1877 in dessen wissenschaftlicher Beilage bzw. in der allgemeinen Beilage veröffentlicht. Ende Oktober 1878 trat das „Sozialistengesetz“ bis 30.9.1890 in Kraft, auf deren Grundlage der „Anti-Dühring“ am 2.12.1878 verboten wurde. 1935 brachte anlässlich des 40. Todestages von Friedrich Engels die Sowjetunion den „Anti-Dühring“ mit allen Vorarbeiten in einem Sonderband der MEGA heraus. 1946 wurde der „Anti-Dühring“ in seiner achtzehnten deutschen Ausgabe publiziert. In der DDR wurde das Buch allein bis 1978, also 100 Jahre nach seinem Erscheinen – fast ebensovielmal herausgegeben, wie in der gesamten Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zuvor. Es erschien in dieser Zeit in fast 600 000 Exemplaren. Die „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ sogar in 1 775 000 Exemplaren.

    Der „Anti-Dühring“ steht in einer Reihe mit dem „Kommunistischen Manifest“ und dem „Kapital“. Wer ihn schon einmal von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hat, wird mir sicherlich zustimmen. Karl Kautsky meinte: Es gibt kein Buch, „das für das Verständnis des Marxismus so viel geleistet hätte, wie dieses. Wohl ist das Marxsche ‚Kapital‘ gewaltiger. Aber erst durch den ‚Anti-Dühring‘ haben wir das ‚Kapital‘ richtig lesen und verstehen gelernt.“ (F. Engels, Briefwechsel mit Karl Kautsky, 2. Auflage, Wien 1955, S. 4) Lenin hat recht: „Man kann den Marxismus nicht verstehen und nicht in sich geschlossen darlegen, ohne sämtliche Werke von Engels heranzuziehen.“ (LW 21/80) Der „Anti-Dühring“ erwarb sich den Rang einer Enzyklopädie des Marxismus. Er war „Ratgeber und Wegweiser“ in einem. In der „Neuen Zeit“ sprach Bernstein davon, dass „der Sozialismus ein Lehrbuch ersten Ranges“ erhalten hat. (Neue Zeit, 1894/1895, Bd.1, Nr.5, S.143) Noch zu Lebzeiten von Friedrich Engels gab er aber auch zu, den „Dühring-Kultus“ unter einer Reihe von Genossen besonders stark befördert zu haben. (M. Kliem, S. 497 f)

    Auch heute ist der „Anti-Dühring“ als unentbehrliches und aktuelles Handbuch des Marxismus zu verstehen.

    Woraus ergibt sich die historische Wirkung und aktuelle Bedeutung des „Anti-Dühring“? (Sechs Gesichtspunkte)

    1. Der „Anti-Dühring“ ist die erste Gesamtdarstellung des Marxismus, in der der Systemzusammenhang und die wechselseitige Durchdringung seiner Quellen und Bestandteile aufgezeigt wurde – die logische Struktur und innere Einheit der kommunistischen Weltanschauung. Eugen Dühring hatte es unternommen, den Marxismus vollständig zu revidieren. Er sah sich als „Reformator des Sozialismus“ und war der Meinung, dass man „seinen Standpunkt als einen konsequent kommunistischen … anerkennen müsse.“ (Bracke an Engels, 2.8.1876) Wir kennen eine solche Anmaßung bereits von den „wahren Sozialisten“. Engels’ Polemik gegen Dühring schlug um „in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung“ der von Marx und ihm „vertretenen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung, und dies auf einer ziemlich umfassenden Reihe von Gebieten.“ (MEW 20/8)
    1. Engels arbeitet im „Anti-Dühring“ vor allem jene Positionen heraus, die den qualitativen Unterschied kennzeichnen zwischen dem wissenschaftlichen Sozialismus und jeglichen unwissenschaftlichen Sozialismusvorstellungen. Das Studium des „Anti-Dühring“ vertieft unser Wissen über die Grundlagen, die Struktur und die Funktion des Marxismus. Er zeigt, inwiefern alle drei Bestandteile durch die weltanschaulich-theoretische Begründung der historischen Mission der Arbeiterklasse untrennbar miteinander verbunden sind.
    1. Engels entwickelt im „Anti-Dühring“ die materialistische Dialektik umfassend und durchgehend als Theorie und Methode der Weltanschauung der Arbeiterklasse. Dabei kam ihm zu Hilfe, dass er seit 1873 intensiv an der „Dialektik der Natur“ arbeitete. Hier ist bereits im Keim enthalten, was wir später bei Lenin in seinem Artikel „Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus“ (LW 33/213ff) entwickelt finden, das Bündnis von Marxismus, von Gesellschaftswissenschaften und Naturwissenschaften.
    1. Der Klassenkampf ist, um mit Engels zu sprechen, „nach seinen drei Seiten hin – nach der theoretischen, der politischen und der praktisch-ökonomischen (Widerstand gegen die Kapitalisten) – im Einklang und Zusammenhang und planmäßig“ zu führen … Es wird namentlich die Pflicht der Führer sein, sich über alle theoretischen Fragen mehr und mehr aufzuklären, sich mehr und mehr von dem Einfluss überkommener, der alten Weltanschauung angehöriger Phrasen zu befreien und stets im Auge zu behalten, dass der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft geworden, auch wie eine Wissenschaft betrieben, d.h. studiert werden will. (MEW 18/516f)
    1. Der „Anti-Dühring“ ist ein Musterbeispiel der Polemik. Treffend endet seine Einleitung mit dem Satz: „Hiernach ersterben wir in tiefster Ehrerbietung vor dem gewaltigen Genius aller Zeiten – wenn sich das alles nämlich so verhält.“ (MEW 20/31) Na eben, WENN SICH DAS ALLES SO VERHÄLT! Es geht also bei der Polemik auch heute um die Frage: Ob es sich so verhält? Die Polemik schlechthin steht somit nicht im Vordergrund der Erwiderung, sondern die Aufdeckung der objektiven Wahrheit.
    1. Innerhalb des zur Zeit des „Anti-Dühring“ noch aufsteigenden Kapitalismus zeichnete sich die Herausbildung von Monopolen ab, die in die Entwicklung des Imperialismus mündete. Die Entwicklung des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium verändert die Rolle der Gewalt in der Geschichte. Diese Wandlungen wurden von Engels in ihren Anfängen begriffen und im Streit mit Dühring erforscht.

    Eine populäre, von der Polemik „bereinigte“ Fassung des „Anti-Dühring“ stellt Friedrich Engels’ Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ dar. Sie ist entstanden aus drei Kapiteln des „Anti-Dühring“. Engels stellte die Schrift zusammen auf Bitte von Paul Lafargue als marxistische Propagandaschrift für die junge französische Arbeiterpartei. Bei ihrer Erstveröffentlichung trug sie den Titel „Der utopische und der wissenschaftliche Sozialismus“. Zusätze zu dieser Schrift von Engels wurden in spätere Auflagen des „Anti­-Dühring“ übernommen. Aufgrund des großen Erfolgs und einer Anfrage der Redaktion des Züricher „Sozialdemokrat“ nach neuen Propagandabroschüren folgte eine deutsche Ausgabe. Marx bezeichnete Engels’ Broschüre als „eine Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus“ (MEW 19/185)

    Das vernichtende Urteil von Friedrich Engels über Dühring lautete letztlich: „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn“. Oder: „Mit Herrn Dühring bin ich nun … glücklich fertig, und wünsche mir in dieser Welt nichts mehr von seinem werten Umgang. Welch aufgeblasener Ignorant!“ (Engels an Bracke, 30.4.1878)

    Genug der Vorrede! Ich werde im Weiteren zu zwei Themen sprechen:

    1. Entstehungsbedingungen
    2. Hauptgedanken
    1. Zu den Entstehungsbedingungen des „Anti-Dühring“

    Wir befassen uns mit den Entstehungsbedingungen des „Anti-Dühring“, um die Problemsituation kennenzulernen, der das Werk, das für die Arbeiterbewegung geschrieben wurde, seine Existenz und seine Wirkung verdankt. Es leitet uns kein abgewandter reiner Historismus. Für die vielen wichtigen Details reicht die Zeit ohnehin nicht. Aber es sollte klar werden: Der „Anti-Dühring“ war kein Gelegenheitswerk! Für das Detailstudium empfehle ich einen Artikel von Horst Ullrich und Inge Werchan: „Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des ‚Anti-Dühring‘ (1876-1895)“ in: 100 Jahre „Anti-Dühring“ – Marxismus, Weltanschauung, Wissenschaft, Akademie Verlag, Berlin 1978.

    Friedrich Engels arbeitete fast zwei Jahre, von Ende 1876 bis Anfang Juli 1878 sehr intensiv und mit gründlichen Vorstudien an der Streitschrift gegen Dühring. In der ersten Vorrede zur ersten Buchausgabe schildert er die Entstehungsgeschichte des „Anti-Dühring“. Die „Frucht eines inneren Dranges“ (MEW 20/5) sei die Arbeit nicht gewesen, war Engels doch von den Studien zur „Dialektik der Natur“ ganz in Anspruch genommen. Er unterbrach auf Drängen von Wilhelm Liebknecht und nach eingehender Beratung mit Marx, der am „Kapital“ weiterarbeiten musste, seine, wie dieser meinte, „ungleich wichtigere Arbeit“ (MEW 34/209) an der „Dialektik der Natur“. Im Sommer 1874 hatten Marx und Engels in Briefen an Liebknecht, Blos und Hepner von sich aus auf die Gefahr der „Dühringerei“ hingewiesen. Seit Anfang 1868, seit Dühring eine Rezension zum „Kapital“ Bd. I veröffentlichte, verfolgten sie seine Arbeiten. Es hieß also aus Pflicht der Partei gegenüber in den „sauren Apfel zu beißen“. Und er musste ganz verzehrt werden. Einen ersten Seitenhieb versetzte Engels Dühring in dem Artikel „Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag“, der 1876 im „Vorwärts“ erschien. Er bezeichnete Dühring als „neuesten Adepten und zugleich Regenerator des Sozialismus“. (MEW 19/45) Später erklärte Engels selbst, warum gerade ihm die Aufgabe, gegen Dühring und andere zu kämpfen, zugefallen war: „Infolge der Teilung der Arbeit, die zwischen Marx und mir bestand“ – schrieb Engels „fiel es mir zu, unsere Ansichten in der periodischen Presse, also namentlich im Kampf mit gegnerischen Ansichten, zu vertreten, damit Marx für die Ausarbeitung seines großen Hauptwerks Zeit behielt. Ich kam dadurch in die Lage, unsere Anschauungsweise meist in polemischer Form, im Gegensatz zu anderen Anschauungsweisen, darzustellen.“ (MEW 21/328) Er warf all sein Können, seine Erfahrungen und sein Wissen in die Waagschale, um der „Dühringseuche“ Einhalt zu gebieten. Engels hat Dühring später immer wieder als unbedeutenden Gegner und langweilig bezeichnet. Der wissenschaftliche Gehalt der Dühringschriften stehe im äußersten Missverhältnis zur Ausführlichkeit der Kritik, die er ihm im „Anti-Dühring“ angedeihen ließ.

    Wie war das nun im Einzelnen?

    Der „Anti-Dühring“ leitete eine ideologische Offensive des Marxismus ein. Vor allem aus zwei Gründen war dies notwendig. Erstens: Nach der Niederlage der Pariser Kommune begann eine neue Etappe der Entwicklung der Arbeiterbewegung. Ihr Merkmal war die Schaffung sozialistischer Massenparteien in vielen Ländern. Die Pariser Kommune hatte gezeigt, dass zur erfolgreichen Durchführung der proletarischen Revolution eine proletarische Partei erforderlich ist, die als Massenpartei fest auf den Positionen des wissenschaftlichen Sozialismus steht. Zweitens: Als Reaktion auf den ersten, mehr oder weniger zufälligen Versuch der Arbeiterklasse, ihre eigene Klassenherrschaft zu errichten, gingen die Ideologen der Bourgeoisie zum Frontalangriff auf den Marxismus als einheitliche, konsequent wissenschaftliche Weltanschauung über. Der ideologische Kampf verschärfte sich in dem Maße, wie die Arbeiterklasse auf der Grundlage der raschen Entwicklung des Kapitalismus sich ausweitete und die revolutionäre deutsche Sozialdemokratie trotz Terror und Verfolgung zu einer Macht wurde. Geschaffen auf dem Gothaer Kongress 1875, wuchs die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands zur stärksten Partei im Deutschen Reich (ca. 40 000 Mitglieder) heran und zur international bedeutendsten Arbeiterpartei, die sich auf marxistischer Grundlage zu organisieren suchte. Ab Oktober 1876 verfügte die Partei neben ihrem von da an erscheinenden „Vorwärts“ über 41 lokale Zeitungen mit rund 100 000 Abonnenten. Zu den Reichstagswahlen im Januar 1877 erhielt sie 9 % der Stimmen.

    In der relativ friedlichen Periode von 1871 bis zur Jahrhundertwende veränderten sich mit dem beginnenden Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus die Kampfbedingungen der Arbeiterklasse. Die Entwicklung der Produktivkräfte bewirkte eine zunehmende Konzentration des Kapitals, verbunden mit dem Anwachsen des Industrieproletariats und tiefgreifenden sozialökonomischen Differenzierungsprozessen in der Gesellschaft. Es  verschärften sich die kapitalistischen Widersprüche. Die Arbeiterbewegung wuchs „in die Breite“. Die Anforderungen an die Führung des Klassenkampfes nach seiner theoretischen Seite nahmen zu. Zwei besonders große Gefahren machten sich dabei bemerkbar: Der Zustrom kleinbürgerlicher Kräfte zur sozialistischen Bewegung und die Herausbildung einer „Arbeiteraristokratie“ gespeist von den Extraprofiten des Monopolkapitals. Diese allgemeinen internationalen Tendenzen wirkten besonders in Deutschland. Hierhin hatte sich der Schwerpunkt der europäischen Arbeiterbewegung verlagert. Die nationalen Kampfbedingungen wurden durch eine stürmische Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland nach der bismarckschen Einigung des Reiches „von oben“ geprägt. Den „Gründerjahren“ folgte der „Gründerkrach“ – die schwere Wirtschaftskrise von 1873 bis 1878/1879, in der es zu einem neuen Aufschwung der Arbeiterbewegung kam.

    Die Vereinigung der Eisenacher Partei mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lassalles war, wie ihr wisst, ein Kompromiss. Es galt, den Marxismus als theoretische Grundlage für die Strategie und Taktik der Arbeiterpartei weiter durchzusetzen, um die Arbeiterklasse zum geeinten und zielstrebigen Kampf gegen das Vordringen des Militarismus und die Ausbeutung der Werktätigen zu befähigen. Franz Mehring schätzte den damaligen Zustand der deutschen Sozialdemokratie folgendermaßen ein: „Jedoch die Rüstung der deutschen Sozialdemokratie hatte noch eine große Lücke: Ihre Praxis war ihrer Theorie weit vorausgeeilt, und für die schweren Kämpfe der nächsten Zukunft brauchte sie die Theorie ebenso notwendig wie die Praxis.“ (Mehring, Geschichte der dt. Sozialdemokratie, Berlin 1960, Bd. 2, S. 474) Im „Volksstaat“ erschien ein Artikel unter der Überschrift „Was wir brauchen“. Darin hieß es: „Die Herstellung einer Schrift, welche sozusagen ‚Das Ganze des Sozialismus‘ in Einem zusammenfasst, scheint uns … auch nach mancher Richtung hin, ein Bedürfnis.“ (Volksstaat – Leipzig, 5.11.1875) Dieses Bedürfnis nach einer verständlichen und zusammenhängenden Darstellung des wissenschaftlichen Sozialismus wurde allgemein empfunden. Hinzu kam, dass bürgerliche Ideologen versuchten, sich des Begriffs „Sozialismus“ zu bemächtigen. Marx geißelte solche Versuche mit den Worten: Man wolle dem Sozialismus eine „höhere, ideale“ Wendung geben, „d.h., die materialistische Basis (die ernstes und objektives Studium erheischt, wenn man auf ihr operieren will) zu ersetzen durch moderne Mythologie mit ihren Göttinnen der Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und fraternité“. (MEW 34/303) Wie Pilze schossen verschiedene sozialistische Systeme hervor. Franz Mehring beschrieb die Situation so: „Verkannte Erfinder und Reformer, Impfgegner, Naturheilärzte und ähnliche schrullenhafte Genies suchten in den arbeitenden Klassen, die sich so mächtig regten, die ihnen sonst versagte Anerkennung zu finden.“ (F. Mehring, Geschichte der dt. Sozialdemokratie, Berlin 1960, Bd. 2, S. 474) Hier kommt Dühring ins Spiel. Er trat mit „beträchtlichem Gepolter auf die Bühne“ (MEW 20/26) und fand zeitweilig beachtliche Resonanz, da er als mutiger und uneigennütziger Streiter für die Wahrheit galt. Aber sein Auftreten wurde für die noch junge und ungefestigte Sozialdemokratie eine ernste Gefahr in Deutschland.

    Wer war dieser Dr. phil. Eugen Dühring (12. 1. 1833 – 21. 9. 1921) ?

    Als Beamtenkind in Berlin geboren, in Waisenhäusern aufge­wachsen und von der preußischen Bürokratie gemaßregelter (Entzug der Lehrbefugnis 1877 wegen Kritik am Lehrbetrieb und Vertreibung als unbequemer „Linker“) in die Isolierung geratener Privatdozent an der Philosophischen Fakultät der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heutige Humboldt-Universität). Dühring war Jurist und habilitierte sich auf dem Gebiet der Philosophie und Nationalökonomie. Zum Zeitpunkt der Polemik gegen ihn war er schon seit einigen Jahren vollständig erblindet. Lenin schrieb, dass der „Anti-Dühring“ „… den Materialisten und Atheisten Dühring des inkonsequenten Materialismus überführt, dass er nachweist, wie Dühring der Religion und einer Religionsphilosophie Hintertürchen offenlässt.“ (LW 15/404) Wilhelm Liebknecht sagte, er sei „ein jämmerlicher Gernegroß“, der aber „seinen Größenwahn doch noch etwas zu kontrollieren versteht“. (M. Kliem, S.496) Dühring hatte drei Bücher verfasst: „Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Sozialismus“, „Cursus der National- und Socialökonomie einschließlich der Hauptpunkte der Finanzpolitik“, „Cursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung“. Sein ideologischer Einfluss auf die Arbeiterbewegung erklärt sich aus den neuen Kampfbedingungen, die durch den Übergang zum Imperialismus entstanden. Er erklärt sich auch durch sein persönliches Auftreten. Sogar „linksradikal“ zu sein, schrieb man ihm zu.

    Dühring fand Anklang bei vielen Studenten. Selbst auf Wilhelm Bracke, dem Vertrauten von Marx und Engels, machte er den Eindruck „eines Mannes, der scharfen Verstand und reiche Kenntnisse mit aufrichtiger kommunistischer Gesinnung verbindet“. (M. Kliem, S. 497) August Bebel, der kein Dühringianer war, freute es, dass „ein Mann der strengsten Wissenschaft, der seiner Stellung nach zu den sogenannten ‚höheren‘ Klassen der Gesellschaft gehört, sich aus wissenschaftlicher Überzeugung auf gleichen Boden mit den vorgeschrittenen Bestrebungen der Arbeiterklasse stellt.“ (Volksstaat, 30/33, 13. und 20. 03. 1874) Dühring war beeindruckt von der Pariser Kommune. Er sah in ihr eine „die Welt erzittern machende, politische Katastrophe“ (Cursus der National- und Socialökonomie, Berlin 1873, S. VI) Bebel verstand das Herangehen an Dühring so, dass es darum ginge, dessen Arbeiten, die dem Sozialzustand scharf zu Leibe gehen, aus agitatorischen Gründen zu unterstützen und auszubeuten. Doch der theoretische Sinn, den er bei Dühring vermutete, war nicht vorhanden.

    Eugen Dühring war kein Sozialdemokrat. Er lehnte die Parteibindung ab. Dühring fand Gehör bei einigen Funktionären der Berliner Parteiorganisation. Liebknecht und Bebel, der allerdings Dühring auch erst als „neuen Kommunisten“ vorgestellt hatte, fürchteten aber vor allem die Ausnutzung Dührings als Freibrief für alle antimarxistischen und kleinbürgerlichen Auffassungen in der Partei sowie darauf beruhende Aktionen. Unter der Flagge Dührings hatten sich auch rechts- und linksopportunistische Kräfte zusammengefunden. Die Marxismuskritik Dührings trug zusätzlichen Konfliktstoff in die SAP (so hieß die Partei seit der Vereinigung). Von Marx vermochte er nur mit Schaum vor dem Munde zu sprechen. Der Gothaer Allgemeine Sozialistenkongress 1876 machte dies besonders deutlich. Dührings Anhänger forderten hier zum ersten Mal, seine Ideen zur offiziellen Parteitheorie zu erheben. Auf das Parteiorgan, den „Volksstaat“ wurde entsprechend Druck ausgeübt. Der Sozialistenkongress im Mai 1877 setzte noch eins drauf. Johann Most, der zu den maßgeblichen Verteidigern des kleinbürgerlichen Sozialismus von Dühring gehörte, stellte den Antrag, dass Engels’ Aufsätze, deren Veröffentlichung gerade begonnen hatte, nicht mehr im Zentralorgan erscheinen sollten.

    Das Ideengut des „Anti-Dühring“ setzte sich in der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands weder ohne Kampf noch schlagartig durch. Beim Erscheinen des philosophischen Teils kam es im Frühjahr 1877 zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Dühringanhänger liefen Sturm gegen Engels. Eigentlicher Inspirator war Dühring selbst. Mit ihm wurden „halbreife Studiose“ wie „überweise Doctores“ auf ihr Schild gehoben, die immer dreister gegen den Marxismus wetterten. Es gab heftigen Widerstand, um die Veröffentlichung von Engels’ Auseinandersetzung mit Dühring im „Vorwärts“ zu hintertreiben. Liebknecht informierte Engels, dass die Dühringianer über seinen Ton erzürnt waren. Darauf Engels: „Sie haben’s gewollt, und sie werden ihr Fett reichlich wegbekommen, mein Wort darauf.“ (MEW 34/239)

    Was beanspruchte Dühring gegenüber Marx?

    1. Eine völlig neue unhistorische „wurzelhafte Wissenschaft“ zu vertreten, „endgültige Wahrheiten letzter Instanz“ zu verkünden, die Leistungen früherer Denker ins Nichts zu verweisen. Alles in allem, der „verworrenen Nichtigkeit des Marxismus“ seine eklektische und metaphysische Theorie entgegenzusetzen.
    1. Die einzig wissenschaftliche Begründung der zukünftigen Gesellschaft gegeben zu haben. Den wissenschaftlichen Sozialismus, der auf dem dialektischen Materialismus beruht, bekämpfte Dühring bis aufs Messer. Sein Sozialismusbild war spekulativ und subjektivistisch. Dühring wurde gefeiert als Repräsentant eines „antiautoritären freiheitlichen Sozialismus“. Das Gesellschaftsideal Dührings war eine „Föderation von Wirtschaftskommunen“. Gesellschaftliches Gesamteigentum lehnte Dühring ab. In seiner Gesellschaftskonzeption bleibt die Konkurrenz der Produzenten bestehen, wie Engels nachweist. An die Stelle des ausbeutenden Kapitalisten tritt bei Dühring die ausbeutende Kommune.
    1. Dühring bekämpfte die materialistische Dialektik und stellte der marxschen Mehrwerttheorie längst widerlegte vulgärökonomische Postulate gegenüber – zum Beispiel: Der Wert der Ware würde durch den Arbeitslohn bestimmt. Insbesondere verdrehte er das Verhältnis von Politik und Ökonomie ins Idealistische.

    Was Dühring beanspruchte und versprach, konnte er nicht halten. Er verschwand relativ schnell aus den Reihen der Sozialdemokratie. Dieser Ausstieg war durch den Umstand begünstigt, dass ab 1878 die Sozialdemokratie mittels des Sozialistengesetzes in die Illegalität gedrängt worden war. Ein späteres Wiederauftauchen von Dühring auf dem äußersten rechten Flügel der SPD ist hier ohne Bedeutung.

    Der „Anti-Dühring“ fand auch durch die Verbreitung der Broschüre „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ rasche Aufnahme unter den Arbeitern. Aber die Propaganda allein war nicht ursächlich für den Erfolg, denn, wie Engels meinte: „eine ganz große Arbeiterklasse ist nicht durch Predigen in Bewegung zu setzen.“ (MEW 37/352) Natürlich spielte die Qualität der Propaganda eine große Rolle: Friedrich Engels besaß die Gabe, die theoretischen Fragen so darzulegen, dass die revolutionäre Bewegung in den Schlussfolgerungen des Marxismus „mehr und mehr den angemessenen Ausdruck ihrer Lage und Bestrebungen erkannte.“ (MEW 23/39) Jedoch Engels nannte – außer dem Sozialistengesetz – noch folgende Ursachen: die Existenz von Proletariern und rücksichtslosen wissenschaftlichen Theoretikern sowie einem interessierten Publikum. (MEW 20/9) Hintergrund des Erfolgs war das Wirken der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Praxis des Klassenkampfes, die das Bedürfnis nach Aufklärung hervorbrachten. Wer sich umfassender informieren möchte, sei auf den Artikel von Herbert Schwab hingewiesen: „Bedingungen und Ursachen der raschen Verbreitung von Engels’ Schrift ‚Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft‘“ (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Heft 9/1981, S. 95ff, herausgegeben von der Marx-Engels-Abteilung im Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED).

    Ich komme nun zum zweiten Teil meines Vortrages.

    1. Hauptgedanken des „Anti-Dühring“

    Es geht mir hier nicht darum, das Studium des „Anti-Dühring“ zu ersetzen oder jeden Abschnitt Absatz für Absatz zu behandeln. Ihr müsst das Buch selbst lesen, eingedenk des Hinweises von Hermann Duncker: „Ein Satz von Marx ist gemeinhin wichtiger und aufschlussreicher als zwanzig Sätze über ihn.“ (Einführungen in den Marxismus, Bd. I, S.15) Wen wundert es, dass Gegner des Marxismus den „Anti-Dühring“ auf die Anklagebank setzten? Durch Engels sei der Marxismus verflacht und dogmatisiert worden, wird von seinen Kritikern behauptet. Es zeige sich ein Gegensatz zwischen Marx und Engels. Dazu kann ich nur sagen: Erstens, Marx distanzierte sich nicht nur nicht von Engels’ Werk, sondern schrieb einem seiner Korrespondenten, er werde ihm ein Exemplar dieser Schrift, „die für eine richtige Einschätzung des deutschen Sozialismus sehr wichtig ist“, zukommen lassen. (MEW 34/346) Zweitens, bei Friedrich Engels und Karl Marx findet die kommunistische Weltanschauung niemals einen Abschluss im Sinne der Dühringschen „ewigen Wahrheit“. Engels selbst sagt, er habe nicht den Zweck verfolgt, „dem ,System’ des Herrn Dühring ein anderes System entgegenzusetzen.“ Auch für den „Anti-Dühring“ gilt, was Lenin in „Staat und Revolution“ sagt: „Die Lehre von Marx ist … eine von tiefer philosophischer Weltanschauung und reicher Kenntnis der Geschichte durchdrungene Zusammenfassung der Erfahrung“ (LW 25/419) Und an anderer Stelle heißt es: „Die ganze Theorie von Marx ist eine Anwendung der Entwicklungstheorie – in ihrer konsequentesten, vollkommensten, durchdachtesten und inhaltsreichsten Form – auf den modernen Kapitalismus. Es ist nur natürlich, dass sich für Marx die Frage nach der Anwendung dieser Theorie auch auf den bevorstehenden Zusammenbruch des Kapitalismus und die künftige Entwicklung des künftigen Kommunismus erhob.“ (LW 25/471) Engels betonte deshalb, dass Marx und er „keine feststehenden gebrauchsfertigen Vorschläge“ für die Zukunft zu unterbreiten hätten. „Unsere Ansichten über die Unterschiede zwischen einer künftigen, nichtkapitalistischen Gesellschaft und der heutigen, sind exakte Schlussfolgerungen aus den historischen Tatsachen und Entwicklungsprozessen und sind, wenn sie nicht im Zusammenhang mit diesen Tatsachen und dieser Entwicklung dargelegt werden, theoretisch und praktisch ohne Wert.“ (MEW 36/429)

    Wie ging Engels an die Dühring-Kritik heran?

    Ich sagte schon, dass der „Anti-Dühring“ eine ideologische Offensive des Marxismus eingeleitet hat, denn nach Gotha durchlief die deutsche Arbeiterbewegung einen widerspruchsvollen Wachstumsprozess. „Offensive des Marxismus“ bedeutete zunächst, den Einfluss Dührings zu brechen und die Partei zu stärken. Es erforderte, den dialektisch-materialistischen Charakter des Marxismus herauszuarbeiten und sein systematisches Studium zu erleichtern. Schließlich hieß es, dass mit der Einleitung einer neuen Etappe in der Aneignung des Marxismus durch die SAP auch eine Wende im Verständnis seiner Quellen eingeleitet wurde.

    Am 28. Mai 1876 schreibt Engels an Marx: „Mein Plan ist fertig … Anfangs geh’ ich rein sachlich und scheinbar ernsthaft auf den Kram ein, und die Behandlung verschärft sich in dem Maß, wie der Nachweis des Unsinns auf der einen Seite, der Gemeinplätzlichkeit auf der anderen sich häuft, und zuletzt regnet’s dann hageldick … (Dühring) bekommt … sein Fett weg.“ (MEW 34/17f) So geschah es auch …

    Das Vorwort zur zweiten Auflage

    Es ist bekannt, dass Vorworte zu ihren Arbeiten für Marx und Engels eine große Bedeutung hatten. Im Vorwort zur Auflage des „Anti-Dühring“ von 1885 weist Engels darauf hin, dass Marx und er wohl die einzigen waren, „die aus der deutschen idealistischen Philosophie die bewusste Dialektik in die materialistische Auffassung der Natur und Geschichte hineingerettet hatten. Aber zu einer dialektischen Auffassung der Natur gehört Bekanntschaft mit der Mathematik und der Naturwissenschaft.“ (EA/10) Für Engels waren es neben der Astronomie und der Geologie vor allem drei große Entdeckungen, die die Kenntnis vom Zusammenhang der Naturprozesse mit Riesenschritten vorangetrieben haben: Die  Entdeckung der Zelle, die Verwandlung der Energie und der zuerst von Darwin im Zusammenhang entwickelte Nachweis, dass der uns umgebende Bestand organischer Naturprodukte, das Erzeugnis eines langen Entwicklungsprozesses aus wenigen ursprünglich einzelligen Keimen ist und diese wieder aus, auf chemischem Weg entstandenem, Protoplasma oder Eiweiß hervorgegangen sind. Engels beschäftigte sich mit der Kosmologie, äußerte sich zur Entstehung des Weltalls, des Sonnensystems, des Lebens usw. Kein Bereich, auf den er nicht einging, galt ihm doch die Natur als die Probe auf die Dialektik.

     Es zeigte sich, sagt Engels, „dass in der Natur dieselben dialektischen Bewegungsgesetze im Gewirr der zahllosen Veränderungen sich durchsetzen, die auch in der Geschichte die scheinbare Zufälligkeit der Ereignisse beherrschen; dieselben Gesetze, die, ebenfalls in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Denkens den durchlaufenden Faden bildend, allmählich den denkenden Menschen zum Bewusstsein kommen; die zuerst von Hegel in umfassender Weise, aber in mystifizierter Form entwickelt worden, und die aus dieser mystischen Form herauszuschälen und in ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeinheit klar zu Bewusstsein zu bringen, eine unserer (seine und Marx – H.M.) Bestrebungen war.“ (EA/11) Im Weiteren macht Engels deutlich, dass von einer absoluten Unveränderlichkeit der Natur überhaupt keine Rede sein kann und dass der Drang zur theoretischen Verallgemeinerung und Durchdringung der empirisch gewonnenen Erkenntnisse aus der Entwicklung der Naturwissenschaften selbst erwuchs, um dann zur Bedeutung der materialistischen Dialektik in diesem Prozess festzuhalten: „jedenfalls ist die Naturwissenschaft jetzt so weit, dass sie der dialektischen Zusammenfassung nicht mehr entrinnt. Sie wird sich diesen Prozess aber erleichtern, wenn sie nicht vergisst, dass die Resultate, worin sich ihre Erfahrungen zusammenfassen, Begriffe sind: dass aber die Kunst, mit Begriffen zu operieren, nicht eingeboren und auch nicht mit dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein gegeben ist, sondern wirkliches Denken erfordert, welches Denken ebenfalls eine lange erfahrungsmäßige Geschichte hat, nicht mehr und nicht minder als die erfahrungsmäßige Naturforschung. Eben dadurch, dass sie sich die Resultate der dritthalbtausendjährigen Entwicklung der Philosophie aneignen lernt, wird sie einerseits jede aparte, außer und über ihr stehende Naturphilosophie los, andrerseits aber auch ihre eigne, aus dem englischen Empirismus überkommen, bornierte Denkmethode.“ (EA/15)

    Inhaltliche Grundlinien des „Anti-Dühring“

    Der „Anti-Dühring“ besteht aus einer in zwei Kapitel gegliederten Einleitung sowie den Hauptabschnitten „Philosophie“, „Politische Ökonomie“ und „Sozialismus“. Letzterer beginnt mit den zwei wichtigen Unterabschnitten „Geschichtliches“ und „Theoretisches“. Die Polemik zwang Engels, der Gliederung Dühring’s zu folgen. Aber immer dominiert die eigene positive Darlegung des Marxismus und der direkte Hinweis, dass es sich dabei vor allem um die Leistung von Marx handelt. In der Einleitung (erster Teil „Allgemeines“) arbeitet Engels die gesellschaftlichen und theoretischen Wurzeln des „modernen Sozialismus“ heraus. Bereits hier gibt er eine konzentrierte Zusammenfassung aller seit dem ersten Auftreten des reifen Marxismus mit dem „Elend der Philosophie“ und dem „Kommunistischen Manifest“ erreichten Ergebnisse der marxistischen Theorie. Den aktuellen Stand des Marxismus markierten zwei große Entdeckungen von Marx: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittels des Mehrwerts. „Mit ihnen wurde“, so Engels, „der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen Einzelheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“ (EA/32) Den Inhalt der kommunistischen Weltanschauung entwickelt Engels im „Anti-Dühring“ folgerichtig und systematisch gemäß dem damaligen Stand der Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Erstmalig begründete er den Standpunkt des Marxismus zu solchen Fragen wie der materiellen Einheit der Welt, dem Zusammenhang von Materie und Bewegung, von Raum und Zeit, zu den Grundgesetzen und Kategorien der materialistischen Dialektik, zur Klassifikation der Wissenschaften. Von bleibendem Wert sind auch die Ausführungen über den Gegenstand und die Kategorien der politischen Ökonomie, über die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen und die Grundzüge der kommunistischen Gesellschaftsformation.

    Wir können hier natürlich nicht jeden Argumentationsstrang von Engels gegenüber Dühring verfolgen oder auf alle von ihm behandelten Probleme eingehen. In diesem Vortrag soll vor allem deutlich werden, dass es Engels hauptsächlich darum ging, das System der wissenschaftlichen Begründung des Sozialismus aufzuzeigen, den Sozialismus auf einen „realen Boden“ zu stellen. (MEW 19/201) Generell wollen wir aber festhalten, dass die Methode Dührings darin besteht, wie Engels ausführt, die „Eigenschaften eines Gegenstandes nicht aus dem Gegenstand selbst zu erkennen, sondern sie aus dem Begriff des Gegenstandes beweisend abzuleiten. Erst macht man sich aus dem Gegenstand den Begriff des Gegenstandes; dann dreht man den Spieß um, und misst den Gegenstand an seinem Abbild, dem Begriff. Nicht der Begriff soll sich nun nach dem Gegenstand, der Gegenstand soll sich nach dem Begriff richten … Die Wirklichkeitsphilosophie (so bezeichnete Dühring sein Vorgehen – H.M.) erweist sich also … pure Ideologie, Ableitung der Wirklichkeit nicht aus sich selbst, sondern aus der Vorstellung.“ (EA/115f)

    Im Mittelpunkt des „Anti-Dühring“ steht die allseitige Begründung der historischen Mission der Arbeiterklasse – ihrer doppelten Befreiungsmission, wie sie schon im „Kommunistischen Manifest“ dargestellt wurde. Diese Begründung, die Aufdeckung der gesellschaftlichen Kraft, deren Aktion der Kommunismus ist, bildet den Hauptinhalt des wissenschaftlichen Sozialismus und den Kern des Marxismus. Demgemäß heißt es im „Anti-Dühring“: „Diese weltbefreiende Tat“ (die Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft und die Errichtung der kommunistischen Gesellschaft) „durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der zur Aktion berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewusstsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (EA/354) Damit ist nicht nur der weltanschauliche Auftrag des Marxismus als Ganzes bestimmt, sondern insbesondere auch die soziale Funktion seines dritten Bestandteils, des wissenschaftlichen Sozialismus im engeren Sinn (wissenschaftlicher Kommunismus). Als sozial-politische Lehre mit der Theorie der Klassen und des Klassenkampfes als Kern übt er unmittelbar die Funktion der kommunistischen Weltanschauung aus, wie sie im „Anti-Dühring“ formuliert wurde, ist er deren soziale und politische Konsequenz. Friedrich Engels weist nach, dass die Entdeckung der weltgeschichtlichen Rolle der Arbeiterklasse eine bestimmte Reifestufe des Klassengegensatzes zwischen Proletariat und Bourgeoisie zur Voraussetzung hatte (ich erinnere an meinen Vortrag zur Geschichte des „Manifestes“). Zugleich zeigt er, dass diese Begründung ein Ergebnis des Zusammenwirkens aller drei Bestandteile des Marxismus ist. Es ist die „Konzeption der zwei großen Entdeckungen von Marx“ (Dlubek/Merkel), durch die Engels zeigt, wie der dialektische Materialismus in den geschichtsphilosophischen und ökonomischen Lehren des Marxismus seine Konkretisierung findet und diese die theoretischen Grundlagen des wissenschaftlichen Kommunismus bilden. Die Philosophie – der dialektische Materialismus – stellt das weltanschauliche Fundament des Marxismus dar und steht deshalb bei Engels am Anfang. Es ist der umfassendste Abschnitt mit zwölf Kapiteln. Wobei der „Anti-Dühring“ vor allem ein philosophisches Werk ist. Materialistische Philosophie und wissenschaftlicher Sozialismus sind untrennbar miteinander verbunden.

    Zur Einheit von Materialismus und Dialektik

    Friedrich Engels bewies, dass Dührings Philosophie ein „unendlich verseichter Abklatsch der Hegelschen Logik“ war, mit der er den Aberglauben teilte, dass die logischen Kategorien irgendwo ein geheimnisvolles Dasein führen vor und außer der Welt, auf die sie ‚anzuwenden‘ sind.“ (MEW 20/133) Demgegenüber vertrat er den Standpunkt des philosophischen Materialismus, indem er Dühring entgegnete: „… die Prinzipien sind nicht der Ausgangspunkt der Untersuchung, sondern ihr Ergebnis; sie werden nicht auf Natur- und Menschengeschichte angewandt, sondern aus ihnen abstrahiert; nicht die Natur und das Reich des Menschen richten sich nach den Prinzipien, sondern die Prinzipien sind nur insoweit richtig, als sie mit Natur und Geschichte stimmen. Das ist die einzige materialistische Auffassung der Sache, und die entgegenstehende des Herrn Dühring ist idealistisch.“ (MEW 20/33) Der „Weltschematik“ Dührings setze Engels entgegen, dass die wirkliche Einheit der Welt nicht in ihrem Sein, sondern in ihrer Materialität besteht. Der Begriff „Sein“ muss selbst erst im Sinne der Grundfrage der Philosophie bestimmt werden. Engels lehnte jede spekulative Philosophie ab, die sich neben oder über die Wissenschaften stellte, die die Welt aus dem Kopf konstruierte. Der „Anti-Dühring“ fordert eine wissenschaftlich begründete Philosophie. Auf der Einheit der Welt in ihrer Materialität gründet Engels die Einheit der Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Es gibt kein starres, beziehungsloses Nebeneinander der verschiedenen Erscheinungen in Natur und Gesellschaft, sondern alle stehen objektiv miteinander in einem Gesamtzusammenhang. Die metaphysische Denkweise geriet in Widerspruch zum Erkenntnisfortschritt der Wissenschaften. Engels bestimmt die Dialektik somit als „die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“ (EA/173) Er weist die universelle Gültigkeit des dialektischen Gesetzes von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze nach: Der dialektische Widerspruch existiert objektiv real und ist Quelle und Triebkraft aller Bewegung, Veränderung und Entwicklung. Objektiv real existiert auch das Gesetz des Umschlags von Quantität in Qualität und der Negation der Negation.

    Moral, Recht, ewige Wahrheiten, Gleichheit, Freiheit – auf alle diese Fragen, die von Dühring aufgeworfen wurden und von grundlegender Bedeutung für die materialistische Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus sind, geht Friedrich Engels – nicht allein veranlasst durch Eugen Dühring – ein. Dabei handelt es sich um Probleme, die Engels im Abschnitt „Sozialismus“ weiter vertieft. Halten wir kurz fest, was Engels dazu zu sagen hat:

    1. Dühring, der es fertigbringt, modellhaft eine Gesellschaft aus zwei Menschen zu konstruieren, behauptete, er habe „ewige Wahrheiten von Moral und Recht“ entdeckt. Die Dialektik von relativer und absoluter Wahrheit und damit das dünne Eis der „ewigen, endgültigen Wahrheit letzter Instanz“ hatte Engels schon behandelt, als er zu Moral und Recht überging. Er wies nach, dass Dührings „ewige“ Geltung von Moralauffassungen falsch ist. Der Gegensatz von Gut und Böse „bewegt sich ausschließlich auf moralischem, also auf einem der Menschengeschichte angehörigen Gebiet, und hier sind die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz gerade am dünnsten gesät. Von Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter haben die Vorstellungen von Gut und Böse so sehr gewechselt, dass sie einander geradezu widersprachen. – Aber, wird jemand einwerfen, Gut ist doch nicht Böse, und Böse nicht Gut; wenn Gut und Böse zusammengeworfen werden, so hört alle Moralität auf, und jeder kann tun und lassen was er will. – Dies ist auch“, sagt Engels, “aller Orakelhaftigkeit entkleidet, die Meinung des Herren Dühring.“ (EA/112) Alle Moraltheorie, weist Engels umfassend nach, ist letztlich das Erzeugnis der jedesmaligen ökonomischen Gesellschaftslage. Und wenn sich die Gesellschaft in Klassengegensätzen bewegt, kann die Moral nur Klassenmoral sein, hat sie Klassencharakter. Unter bestimmten Bedingungen können verschiedene Klassen oder Teile von ihnen dem Inhalt nach gleiche Moralnormen haben. Für diese Ausnahmesituation kann die Sicherung des Friedens als Beispiel angeführt werden. Eine wirklich menschliche Moral wird erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, „die den Klassengegensatz nicht nur überwunden, sondern auch für die Praxis des Lebens vergessen hat.“ (MEW 20/88)
    1. In Dührings „System des Sozialismus“ nahm der Problemkreis der Gleichheitsforderung einen bedeutenden Platz ein. Generell ist ihre agitatorische Rolle in der sozialistischen Bewegung bis heute erheblich. Nachdem Engels die Behauptung Dührings, dass die Grundform der moralischen Gerechtigkeit in der völligen Gleichheit zweier menschlicher Willen besteht, erledigt hat, zeigt er, dass die Arbeiterklasse nicht bei dem formal-juristischen Inhalt der Gleichheitsforderung der Bourgeoisie stehenbleiben kann. Sie ist dazu gezwungen, die wirkliche soziale und ökonomische Gleichheit zu fordern. Inhalt der proletarischen Gleichheitsforderung kann nur sein, „die Forderung nach Abschaffung der Klassen.“ (MEW 20/99) Die Forderung nach Gleichheit ist ein Produkt der Bedingungen, unter denen Klassen existieren, aber keine „ewige Wahrheit“. Zwischen Idee und gesellschaftlicher Realität ist genau zu unterscheiden.
    1. Dühring philosophiert über Willensfreiheit. Das Ergebnis fasst Engels mit den Worten zusammen: „Durchschnitt zwischen Einsicht und Trieb, Verstand und Unverstand“ (MEW 20/105) Materialistisch an Hegel anknüpfend („Einsicht in die Notwendigkeit“) zieht Engels aus dem Unterschied zwischen von „blinder“ und „begriffener“ Notwendigkeit den Schluss, dass die marxistische Freiheitsauffassung besagt: „Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“ (MEW 20/105) Freiheit ist ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung. Der „Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“ erfordert einen Gesellschaftszustand, „worin es keine Klassenunterschiede, keine Sorgen um die individuellen Existenzmittel mehr gibt und worin von wirklicher menschlicher Freiheit … zum erstenmal die Rede sein kann.“ Allein mithilfe gewaltiger Produktivkräfte wird er möglich. (MEW 20/107)

    Zur Dialektik von Ökonomie und Politik

    „Die tiefgründigste, umfassendste und detaillierteste Bestätigung und Anwendung der Theorie von Marx ist seine ökonomische Lehre“, heißt es bei Lenin. (LW 21/48) Ich nehme an, ihr kennt das Zitat – mit Marx’ „Kapital“ habt ihr euch schon beschäftigt. Damit sind wir beim Kern der materialistischen Begründung des Sozialismus als Wissenschaft und als Gesellschaftsordnung. Friedrich Engels erläutert im zweiten Abschnitt des „Anti-Dühring“, dass die politische Ökonomie eine historische Wissenschaft ist und wie bei der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise die materialistische Geschichtsauffassung angewandt wird. Er kann sich dabei auf die Erkenntnisse aus Marx’ „Kapital“ stützen. Nach der Bestimmung des Gegenstandes und der Methode der politischen Ökonomie legt er dar, dass dieser Bestandteil hauptsächlich dadurch zur Begründung der historischen Mission der Arbeiterklasse beiträgt, indem er die Dialektik der kapitalistischen Produktionsweise und die Entwicklung ihrer inneren Widersprüche untersucht. Die dialektisch-materialistische Geschichtsauffassung erklärte die Geschichte als einen durch die materielle Produktion bestimmten Prozess. Als Triebkraft dieses Prozesses erwies sich der Klassenkampf. Die tiefste Begründung für die Gesetzmäßigkeit der Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus geschah durch die Aufdeckung des ökonomischen Bewegungsgesetzes des Kapitalismus. Mit der Entdeckung des Mehrwertgesetzes verbreitete sich helles Licht über das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung. Der Hergang sowohl der kapitalistischen Produktion wie der Produktion von Kapital aus rein ökonomischen Gründen war erklärt.

    Dühring betrachtete die Gesetze von Produktion und Austausch als „ewige Naturgesetze“, aus der „Natur des Menschen“ abzuleiten. Engels weist nach, dass Dühring gravierende Fehler begeht, die seiner idealistischen Geschichtsauffassung entsprechen. Erstens abstrahiert er von der gesellschaftlichen Realität. Zweitens erklärte er die sozialökonomischen Missstände der Ausbeutergesellschaft als eine Folge der Einmischung des Staates. Drittens trennte Dühring Produktion und Austausch von der Verteilung. In der Konsequenz bedeutet das, die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution zu leugnen. Engels hingegen zeigt, „dass eine Umwälzung der Produktions- und Verteilungsweise stattfinden muss, die alle Klassenunterschiede beseitigt, falls nicht die ganze moderne Gesellschaft untergehen soll“. (MEW 20/146f)

    Eugen Dühring, der eine spezielle Gewaltstheorie entwickelte, wies der Gewalt den Rang einer „Tatsache erster Ordnung“ zu. Das „Primitive“ – im Sinne Dührings das Grundlegende – müsse „in der unmittelbaren politischen Gewalt und nicht erst in einer indirekten ökonomischen Macht gesucht werden“. Das, so Engels, stelle die Dinge auf den Kopf. Anknüpfend an Dührings Versuch, das Primäre der Gewalt am Beispiel des Verhältnisses von Robinson Crusoe zu Freitag darzustellen, kommt er zu dem Ergebnis: „Das kindliche Exempel also, das Herr Dühring eigens erfunden hat, um die Gewalt als das ‚geschichtlich Fundamentale‘ nachzuweisen, es beweist, dass die Gewalt nur das Mittel, der ökonomische Vorteil dagegen der Zweck ist.“ (EA/194f) Im Folgenden skizziert Engels dann die Entwicklung der Gewalt als Mittel zur Erzielung ökonomischer Vorteile. Er betrachtet sie also nicht als wirkungslos. Sie hat Zustände geschaffen, die die weitere Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise förderten. Von höchst aktueller Bedeutung ist der Nachweis der bestimmenden Rolle der Ökonomie im Militärwesen bzw. für die Rüstungsproduktion. Engels legt hier wichtige Grundlagen für die Analyse und Bekämpfung des Militarismus. Er weist auch nach, dass der Militarismus Keime des eigenen Untergangs in sich trägt: durch den ökonomischen Ruin der kapitalistischen Staaten infolge der Rüstung und die allgemeine Wehrpflicht, die das Volk im Gebrauch der Waffen übt. (Zu dieser Frage empfehle ich euch einen Artikel von Manfred Sohn, Militarismus verschlingt Europa, UZ v. 17. Januar 2025) In der Polemik gegen Dühring’s Behauptung, dass die Herrschaft des Menschen über den Menschen immer schon bestanden hätte, beantwortet Engels mittels historischer Analyse die Frage, wie politische Gewalt und Unterdrückung entstanden sind. Er schildert die Auflösung des alten Gemeinwesens und legt die Fortentwicklung der Klassengesellschaften bis hin zum Kapitalismus dar. Auf die Ökonomie, so Engels, kann die Politik in zwei Richtungen wirken:

    1. a) sie fördert und beschleunigt die ökonomische Entwicklung, wenn ihre Ziele mit dieser übereinstimmen, b) sie hemmt diese Entwicklung, wenn objektive Erfordernisse ignoriert werden und erliegt dann vor ihr.

    Engels weist darauf hin, dass die Gewalt auch eine revolutionäre Rolle in der Geschichte spielen kann – als Geburtshelfer einer alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht.

    Nachdem die Dialektik von Ökonomie und Politik so grundsätzlich geklärt wurde, behandelt Engels nunmehr das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung. Das Kapital erweist sich als ein gesellschaftliches Verhältnis, der Mehrwert erklärt sich aus rein ökonomischen Tatsachen und Zusammenhängen, ohne Zutun von Gewalt.

    Wir kommen nun zu dem sehr bedeutenden Abschnitt „Sozialismus“. Engels knüpft hier an die Einleitung an, beschreibt die geschichtliche Entwicklung des Sozialismus, stellt das Theoriegebäude des wissenschaftlichen Sozialismus vor und vertieft in seiner Polemik gegen Dühring die Argumente aus den ersten beiden Abschnitten.

    Kritisch-utopischer Sozialismus – Vorgänger und Quelle des wissenschaftlichen Sozialismus

    Wer von euch den „Anti-Dühring“ schon einmal gelesen hat, weiß, dass Engels – wie auch Marx – die großen sozialistischen Vorgänger des Marxismus besonders würdigt. „Dem unreifen Stand der kapitalistischen Produktion, der unreifen Klassenlage entsprachen unreife Theorien“, die allerdings „geniale Gedankenkeime“ enthielten, schreibt Engels. Unreif vor allem deshalb, weil die Lösung der Widersprüche, die Beseitigung der Missstände, „aus dem Kopfe erzeugt werden“ sollte – als „Aufgabe der denkenden Vernunft“. (MEW 20/241) Warum aber erinnert Engels jetzt erneut an Saint-Simon, Fourier und Owen, deren Leistung er im Vorwort zur Neuauflage des „Deutschen Bauernkriegs“ von 1874 dem „Vorausgang der deutschen Philosophie, namentlich Hegels“ zur Seite stellt, „ohne den“, so heißt es dort, „der deutsche Sozialismus – der einzig wissenschaftliche, der je existiert hat – nie zustande gekommen“ wäre? (MEW 18/516) Das war nicht nur für das Verständnis des wissenschaftlichen Kommunismus nötig, sondern ergab sich auch daraus, dass nach der Pariser Kommune dies eine besonders wichtige Aufgabe im ideologischen Klassenkampf wurde. Rolf Dlubek und Renate Merkel schreiben: „In dem Maße, wie die Bourgeoisie zu einer reaktionären Klasse wurde, verleugnete sie die fortschrittlichen Ideen ihrer Aufstiegsperiode.“ (RD/RM/357) Entscheidend war aber, dass die neuen Spielarten des kleinbürgerlichen Sozialismus, die hinter die großen Utopisten zurückfielen, die zu ihrer Zeit so weit gingen, wie es möglich war, nicht bekämpft werden konnten, ohne den prinzipiellen Unterschied zwischen dem utopischen Sozialismus vor und nach Marx sowie die neue Qualität des wissenschaftlichen Sozialismus deutlich zu machen. Dühring gab die kritisch-utopischen Sozialisten der Lächerlichkeit preis, er behauptete, „voraussetzungslos“ zu denken. Dieser Herr, der soziale Alchemie betrieb, stützte objektiv die kleinbürgerlichen Epigonen des Utopismus, die die Grundfesten des Kapitalismus nicht antasten wollten und fiel, wie diese, in allen entscheidenden Punkten hinter die großen Utopisten zurück. August Bebel hatte das anfangs, wie schon erwähnt, auch stark unterschätzt. Engels stellte bei den kritisch-utopischen Sozialisten jene materialistischen und dialektischen Elemente heraus, die entscheidend dazu beitrugen, dass sie den Kapitalismus einer prinzipiellen Kritik unterzogen und die wissenschaftliche Auffassung der kommunistischen Gesellschaft vorbereiten konnten. Die Aussagen der großen Utopisten über die künftige Gesellschaft wurden in der Prognose des Marxismus über den Kommunismus im dialektischen Sinn aufgehoben, bewahrt, konkretisiert und wissenschaftlich begründet.

    Zu beachten ist außerdem: Zur Zeit des „Anti-Dühring“ machte sich noch eine deutliche Geringschätzung der Ideen der utopischen Sozialisten in der Arbeiterbewegung breit, was die Aneignung der Theorie erschwerte, handelte es sich doch um eine geistige Quelle des wissenschaftlichen Sozialismus. Das ging soweit, dass sogar in Reaktion auf die bürgerliche Stimmungsmache, Sozialismus sei immer Utopie, bestritten wurde, dass der moderne Sozialismus überhaupt Vorgänger hat. „Das Geschichtsbild der Arbeiter füllen“ damals „vornehmlich die Zeichnungen der realen Kämpfe des unterdrückten und ausgebeuteten Volkes aus, und der revolutionäre Inhalt der sie begleitenden Ideologie wird hauptsächlich insofern beachtet, als er … sich unmittelbar im Klassenkampf manifestiert und zur praktischen Aktion führt“, wie Joachim Höppner in seinem sehr zu empfehlenden Aufsatz „Engels’ ‚Anti-Dühring‘ und die Rezeption des utopischen Sozialismus in der SAPD“ schreibt – in: 100 Jahre „Anti-Dühring“, S. 157ff. Empfehlenswert auch sein Nachwort zu: August Bebel, Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien, Reclam Berlin 1978. Hier schildert Höppner die Situation so: „Die Organisation der Arbeiterklasse zur Massenpartei und der politische Tageskampf, die Agitation unter den breiten Schichten der noch wenig aufgeklärten Werktätigen und die Überwindung des Lassalleanismus und kleinbürgerlichen Demokratismus beanspruchen in diesen Jahren alle Kräfte.“ (Ebenda, s. 258)

    Engels gab den Anstoß zur Umkehr. Das war notwendig, damit die junge Arbeiterpartei lernte, den Marxismus als Wissenschaft nicht nur selektiv anzuwenden, sondern als Ganzes zu beherrschen und sich zu eigen zu machen. Dies bedeutet auch, zu verstehen, was es heißt, dass es ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Bewegung gibt, dass die Praxis der proletarischen Bewegung gegenüber ihren eigenen materiellen Voraussetzungen und Bedingungen nicht gedanklich verabsolutiert werden darf.

    Gesetzmäßigkeiten, Wesenszüge und Entwicklungslinien des Kommunismus

    Im „Anti-Dühring“ wird der Nachweis geführt, dass der Sozialismus das gesetzmäßige Resultat der geschichtlichen Entwicklung und des Klassenkampfes ist. In diesem Zusammenhang nahm nach der Pariser Kommune und der Zerschlagung des sozialistischen Sektenwesens die Kritik einer bloß ethisch-moralischen Begründung des Sozialismus einen wichtigen Platz ein. Engels Darlegungen über die Klassengebundenheit von Moral- und Rechtsvorstellungen waren von grundsätzlicher Bedeutung für diese Kritik. Es traf nicht nur Dühring und Anhang, sondern auch die opportunistische Gruppierung der dt. Sozialdemokratie, die sich seit 1877 um die Zeitschrift „Zukunft“ sammelte. Verbreitet wurde ein Sozialismus, „der aus dem Begriff der ‚Gerechtigkeit‘ begründet werden sollte.“ (MEW 34/379) Das war „Gefühlssozialismus“ oder „wahrer Sozialismus“, wie ihr ihn aus der Zeit des „Manifestes“ schon kennt.

    Dies alles bedeutet aber nicht, dass Engels dem moralischen Bewusstsein keine Bedeutung im Klassenkampf beimisst. In der „sittlichen Entrüstung“ sah er ein Symptom, keinen Beweisgrund. Ausführlich hat Engels das im Abschnitt über die politische Ökonomie ausgeführt. Der „Volksinstinkt“ (MEW 20/138f) galt ihm als eine erste, notwendige Stufe im Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstfindung der Arbeiterklasse, eine „Keimform der Bewusstheit“ (LW 5/385), wie es Lenin später nannte.

    Der moralisch-ethischen Begründung des Sozialismus setzte Engels die dialektisch-materialistische Begründung der Gesetzmäßigkeit des revolutionären Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus entgegen. Der reale Boden, auf den er den Nachweis der Gesetzmäßigkeit des Sozialismus stellte, war die Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft, war die Aufdeckung der ihr eigenen Unverträglichkeit zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung – dem Grundwiderspruch des Kapitalismus, der daraus entspringenden Gegensätze zwischen Proletariat und Bourgeoisie, zwischen Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft sowie der unvermeidlichen Krisen, war der Nachweis der Notwendigkeit und materiellen Voraussetzungen für die revolutionäre Lösung dieser Widersprüche. Engels klassifizierte im „Anti-Dühring“ die in der kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaft wirkenden Widersprüche und wies nach, wie sie sich in verschiedener Erscheinungsform entfalten. In diesem Zusammenhang zeigte er, dass der Grundwiderspruch des Kapitalismus seinen „gewaltsamen Ausbruch“ in den Wirtschaftskrisen findet. Engels analysiert im „Anti-Dühring“ auch neue Erscheinungen in der Entwicklung des Kapitalismus. So die Anfänge der Monopolbildung und des beginnenden Übergangs zum Imperialismus.  Er zeigte, dass diese Erscheinungsformen kapitalistischer Vergesellschaftung keineswegs die Lösung des Grundwiderspruchs bedeuten. In diesem Zusammenhang untersucht Engels auch das Eingreifen des bürgerlichen Staates, machte deutlich, dass dieser eine wesentlich kapitalistische Maschine ist, Staat der Kapitalisten, ideeller Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Davon, dass, wie das bei Bismarck behauptet wurde, jede Verstaatlichung Sozialismus bedeutet, kann keine Rede sein. (MEW 20/260) Aber der Vergesellschaftungsgrad der Produktion nimmt solche Ausmaße an, dass ihm auch kollektive Kapitalunternehmen nicht mehr gerecht werden. Der Staat muss ihre Leitung übernehmen. (MEW 20/259 FN)

    Engels sah im bürgerlichen Staatseigentum an den Produktionsmitteln nicht die Lösung, aber das „formelle Mittel, die Handhabe der Lösung“. (MEW 20/260) Er kennzeichnete die Schaffung von kapitalistischem Staatseigentum als „Erreichung einer neuen Vorstufe zur Besitzergreifung aller Produktivkräfte durch die Gesellschaft selbst.“ (MEW 19/221 FN)

    Zum Sozialismus führt nur die proletarische Revolution. Der bekannte Satz lautet: „Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist. … Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum.“ (MEW 20/261) Soweit es von der Arbeiterklasse abhängt, das hatten Marx und Engels stets betont, ziehen sie eine friedliche Entwicklung des revolutionären Übergangs vor. Marx und Engels haben aber auch klargestellt und die Erfahrung hat es bestätigt, die Arbeiterklasse muss bereit und fähig sein, einer bewaffneten Konterrevolution entsprechend zu begegnen.

    Es sei hier darauf hingewiesen, dass die Frage des Staatseigentums, wie sie Engels aufgeworfen hat und wie sie sich historisch entwickelte, zu einem Problem führt, das mit den Erfahrungen der Pariser Kommune zusammenhängt. Wer sich näher damit befassen will, sollte das Buch von Uwe-Jens Heuer „Marxismus und Demokratie“, Dietz Verlag Berlin 1989 zur Hand nehmen. Ab Seite 121 geht Heuer auf den „Widerspruch zwischen Eigentümerstaat und Kommunestaat“ ein.

    Im „Anti-Dühring“ gibt es keine Zugeständnisse an utopistische Detailmalerei. Engels entsprach mit der Darlegung wesentlicher Wesenszüge des Kommunismus, wie es im Abschnitt Sozialismus geschah, dem Bedürfnis der revolutionären Arbeiter nach wissenschaftlich begründeten Vorstellungen über die von ihnen zu erkämpfende Gesellschaft. Für die revolutionären Sozialisten der Generation August Bebels wurden der „Anti-Dühring“ und „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ zur wichtigsten Quelle wissenschaftlicher Vorstellungen über die künftige Gesellschaft, wie Rolf Dlubek und Renate Merkel betonen. Viele bedeutende Werke, so auch die „Kritik am Gothaer Programm“ waren noch nicht veröffentlicht. Der Kommunismus wird nicht im Sinne eines „Endzustandes“ dargestellt, sondern als ein gesellschaftlicher Entwicklungsprozess, eine Epoche ständiger Höherentwicklung und tiefgreifender Wandlungen in Etappenzielen (was nichts mit Bernstein zu tun hat, da die sozialistische Revolution, der Bruch mit dem Kapitalismus vorangestellt ist). Dargestellt wird, wie auf der Grundlage der politischen Herrschaft der Arbeiterklasse und des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln die Produktivkräfte planmäßig zum Wohle des Volkes entwickelt werden. Es kam Engels vor allem darauf an, die kommunistische Gesellschaftsformation als prinzipiell neuen Typ gesellschaftlicher Organisation und Entwicklung allen vorangegangenen Gesellschaftsformationen gegenüberzustellen; sie als einheitlichen und in ständiger Umwandlung begriffenen Organismus zu betrachten. Er geht deshalb nicht auf die Unterscheidung zwischen einer niedrigen und einer höheren Phase ein, Sozialismus und Kommunismus sind insofern synonyme Begriffe.

    Die kommunistische Gesellschaftsformation ist, wie Engels feststellt, gekennzeichnet

    1. durch die Errichtung der politischen Macht der Arbeiterklasse, die Umwandlung des Staates in „einen Repräsentanten der ganzen Gesellschaft“ und „Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft“ sowie die Herausbildung neuer, von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen befreiter Produktionsverhältnisse;
    2. durch eine solche Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, die es „allen Gesellschaftsmitgliedern erlaubt, ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten möglichst allseitig auszubilden, zu erhalten, auszuüben“;
    3. durch eine planmäßige Organisation der Produktion nicht nur im Rahmen der einzelnen Betriebe, sondern im Maßstab der ganzen Gesellschaft, rationelle Regelung des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur;
    4. durch eine ununterbrochene, sich ständig beschleunigende Entwicklung der Produktivkräfte, die zur Überwindung der alten, den Menschen verkrüppelnden Arbeitsteilung, zur Überwindung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit führt;
    5. durch die Teilnahme aller arbeitsfähigen Mitglieder der Gesellschaft an der produktiven Arbeit und dadurch, dass sich die Arbeit allmählich in das erste Lebensbedürfnis verwandelt;
    6. durch die Herausbildung einer neuen Qualität der politischen Organisation der Gesellschaft und ihrer sozialen Beziehungen. Aufhebung der Klassengegensätze und Klassenunterschiede. Es handelt sich um eine klassenlose Gesellschaft, der Staat stirbt ab, die Religion stirbt ab;
    7. mit dem Klassengegensatz im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.

    Mehrfach thematisiert Engels das Ende der Warenproduktion. Er geht davon aus, dass sie unter ganz bestimmten ökonomischen Voraussetzungen aufgehoben wird. Diese Voraussetzungen bestehen in erster Linie darin, dass die Arbeit jedes Mitglieds der Gesellschaft von vornherein direkt gesellschaftliche Arbeit ist und dass die auszutauschenden und der Produktionsplanung zugrunde liegenden Arbeitsquanta unmittelbar in Arbeitszeiteinheiten gemessen werden können. Aufbauend auf den Erfahrungen des realen sozialistischen Aufbaus schließt sich hier eine in der Gegenwart zunehmende Diskussion an, die allein mit Zitaten von Marx und Engels nicht zu bewältigen ist. Im „Anti-Dühring“ heißt es, dass der Sozialismus die menschliche Arbeitskraft von ihrer Stellung als Ware emanzipieren will. (EA/245) Damit fällt selbstverständlich die höchste Form der Warenproduktion, die kapitalistische Warenproduktion weg. Fritz Behrens, ein bedeutender, aber später vergessener Ökonom aus der DDR, schrieb davon ausgehend: „Das grundlegende Kriterium einer sozialistischen Produktionsweise ist … nicht die Aufhebung der Warenproduktion, sondern die Aufhebung des Warencharakters der Arbeitskraft.“ (Abschied von der sozialen Utopie, Berlin, Akademie Verlag, 1992, S. 135; siehe auch S.144f, 147 und 152) Insgesamt galt z.B. in der DDR, dass Ware-Geld-Beziehungen auf der Grundlage sozialistischer Eigentumsverhältnisse notwendige Entwicklungsformen sozialistischer Planwirtschaft sind. Erst nach einer langen historischen Zeitdauer im voll entfalteten Kommunismus würden sie absterben.

    Hier ist nun allerdings nicht der Ort, um diesen Gedanken weiter zu hinterfragen. Jedoch ist es m. E. einleuchtend, dass die kommunistische Gesellschaftsformation in ihrer Entwicklung nicht auf der Warenproduktion als ständigen Begleiter aufbauen kann. Soweit es sich um die Übergangsperiode vom Kapitalismus zur kommunistischen Formation handelt, hat Marx auf die bekannten „Muttermale“ verwiesen. Der Begriff „sozialistische Warenproduktion“ meint aber etwas anderes. Er bedeutet keine höhere Form oder einen neuen Typ der Warenproduktion, sondern m. E. die Widerspiegelung realer Gegebenheiten der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und eines länger währenden Prozesses, der letztlich zum Absterben bzw. zur Aufhebung der Warenproduktion führt und führen muss. Der Aufbau und die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft auf ihrer eigenen Grundlage, dies hat sich m.E. erwiesen, ist kein kurzfristiger sondern ein langwieriger Prozess, wie es auch Walter Ulbricht gesehen hat. Einen Einblick in die dazugehörige Diskussion kann gewonnen werden bei Harry Nick, „Ökonomiedebatten in der DDR“, GNN Verlag 2011. Wie gesagt, das wäre gründlicher in einer eigenständigen Veranstaltung zu diskutieren.

    An dieser Stelle der Hinweis: Ich möchte euch das in meiner Literaturliste aufgeführte Buch von Rolf Dlubek und Renate Merkel, „Marx und Engels über die sozialistische und kommunistische Gesellschaft“, sehr ans Herz legen. Neben Uwe Pacholiks Einführung in Engels’ Schrift beziehe ich mich durchgängig auf dieses Buch. Ihr findet hier eine sehr gründliche und überzeugende Darstellung der Entwicklung der marxistischen Lehre von der kommunistischen Umgestaltung.                                                                                                                                 

    Damit bin ich am Ende meines Vortrages angelangt.

    Um die Bedeutung von Engels’ Schrift Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft zu verdeutlichen, sei abschließend an das Urteil Rjasanows, von 1921 bis 1931 Leiter des neu gegründeten Marx-Engels-Instituts in Moskau, erinnert, wonach dieses Werk „eine Epoche“ in der Geschichte des Marxismus geprägt hat. Daran gilt es anzuknüpfen. Heute mehr denn je.

    Ich danke für die Aufmerksamkeit.

    Für meinen Vortrag habe ich folgende Literatur verwendet:

     

    • Rolf Dlubek, Renate Merkel, Marx und Engels über die sozialistische und kommunistische Gesellschaft, Dietz-Verlag Berlin 1981.
    • Gemeinschaftsarbeit UdSSR und DDR, 100 Jahre „Anti-Dühring“ – Marxismus, Weltanschauung, Wissenschaft, Akademie Verlag, Berlin 1978.
    • Kurt Hager: Ein aktuelles Handbuch für klassenbewusste Arbeiter – 100 Jahre „Anti-Dühring“ von Friedrich Engels, Vortrag auf der internationalen wissenschaftlichen Konferenz der Akademie der Wissenschaften der DDR, der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und der Humboldt-Universität zu Berlin, Dietz Verlag, Berlin 1978.
    • Manfred Kliem: Friedrich Engels – Dokumente seines Lebens 1820-1895, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1978.
    • Udo Pacholik: Einführung in Engels’ Schrift Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“), Dietz Verlag Berlin, 1985.
    • MEW Bd. 19 und 20.
    • Die Einzelausgabe des „Anti-Dühring“ (EA), Dietz Verlag Berlin, 1958, 11. Auflage, 1. Auflage 1948
    • Ergebnisse der Marxforschung: https://marxforschung.de/.
    • Vladimiro Giacché, Die Sozialismuskonzeption des späten Engels (1883-1895), Z – Nr. 133 März 2023
    • Derselbe, Sozialismus und Ende der Warenproduktion in Friedrich Engels’ Anti-Dühring, Marxistische Blätter, Heft 6/2020, S. 48-58.

     

     

  • Die Frankfurter Frage und der Maschinen-Mehrwert

    Die Frankfurter Frage und der Maschinen-Mehrwert

    Die Frankfurter Frage und der Maschinen-Mehrwert

    Ist nicht doch irgendwo Substanz, ein nachdenkenswerter Ansatz oder ein Körnchen Wahrheit in der „neuen Marxlektüre“ zu finden? Man nehme das Beispiel von der Methusalem-Maschine, die vom Kapitalisten nach Ablauf der erwarteten Lebenszeit längst „abgeschrieben“ ist, aber nicht abtreten will. Schafft da nicht vielleicht doch das konstante Kapital den Mehrwert?

    Ein Beitrag von:

    D

    Ist nicht doch irgendwo Substanz, ein nachdenkenswerter Ansatz oder ein Körnchen Wahrheit in der „neuen Marxlektüre“ zu finden?  So wurde aus dem Hessischen erst einmal ganz allgemein nachgehakt, um dem Referenten noch etwas detailliertere Informationen zur Kritik an der Arbeitswerttheorie zu entlocken.

    Als das nicht half, kam das Beispiel von der Methusalem-Maschine (MM), die vom Kapitalisten nach Ablauf der erwarteten Lebenszeit längst „abgeschrieben“ ist, aber nicht abtreten will und immer weiter läuft. Schafft da nicht vielleicht doch das konstante Kapital des Kapitalisten den Mehrwert? Der Kapitalist ist hoch erfreut. Bei ihm klingelt die Kasse. Ist das nicht ganz genauso wie bei der Mehrwerterhöhung durch Verlängerung des Arbeitstages?

    Bei diesem Beispiel stockte der Referent und auch wir verhakten uns im selbstgestrickten Knoten, der auf die Schnelle nicht entwirrt werden konnte.

    Grund dafür war vielleicht das nicht unbedingt marxistische Wort von der „Abschreibung“, mit dem die Wertübertragung des konstanten Kapitals auf die vom Kapitalisten unter Einsatz von c + v neugeschaffene Ware unglücklich beschrieben wird. Klar, dass damit keine steuerliche Abschreibung gemeint war. Aber der Begriff „Abschreibung“ lässt doch eher an die Kostenkalkulation des einzelnen Kapitalisten denken. Dass aber nicht die Kosten (=Kostpreis), also die vom einzelnen Kapitalisten vor dem wertschaffenden Arbeitsprozess aufgewandte Kapitalmenge (c + v), sondern allein die zur Warenproduktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit den Wert bestimmt, behandelt Marx grundlegend im ersten, dann speziell eingehend auf Verschleiß und Reparatur im zweiten (MEW 24, 169f.)  und noch einmal ausführlich im dritten Band des Kapitals, dort mit Erklärung der gängigen Fehlvorstellungen der bürgerlichen Ökonomie und der Warnung, dass der Kostpreis des einzelnen Kapitalisten zwar regelmäßig unter dem Wert seiner Ware liegt, aber es sich doch letztlich um zwei Paar Schuhe handelt, die oft verwechselt werden, jedoch nicht verwechselt werden sollten.

    Der in der Ware des Kapitalisten A steckende Wert setzt sich zusammen allein aus der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die

    1. in dem zu ihrem tatsächlichen Wert (also mit Einschluss der unbezahlten Mehrarbeit) unter Einsatz des konstanten Kapitals von einem anderen Kapitalisten B erworbenen Produktionsmittel enthalten ist und „pro rata“ nach dem gesellschaftlichen Durchschnitt ihrer Lebenserwartung ohne neue Wertbildung im Arbeitsprozess nur übertragen wird und
    2. bei der Herstellung in der Fabrik des Kapitalisten A unter Einsatz des variablen Kapitals als Arbeitslohn wertbildend (inkl. Mehrwert) in das Produkt gesteckt wird.    

    Marx spricht bei dem Wertbestandteil zu 1. stets nur von Wertübertragung des konstanten Kapitals, die bei Rohmaterial (z.B. Garn) im Ganzen und bei Produktionsmitteln (z.B. Strickmaschine) anteilig („pro rata“) auf die neu geschaffene Ware erfolgt.  Diese dient als „Arbeitsaufsauger“ (MEW 23, 204). Die Wertübertragung ist nur „Bedingung“ des Arbeitsprozesses nicht jedoch Teil der Wertbildung (MEW 23, 196), in meinem Beispiel beim nachfolgenden Kapitalisten A. Der mit dem konstanten Kapital beim Kapitalisten B erworbene Wert wird im Betrieb des Kapitalisten A der dort hergestellten Ware nur „zugesetzt“ (deshalb konstant), nicht aber neuer Wert geschaffen. 

    Also bestimmen die Kosten für den Kauf der MM (=Produktionsmittel) genauso wenig wie die Kosten (Arbeitslohn) für den Kauf der Ware Arbeitskraft den Wert der in der Fabrik des Kapitalisten A gefertigten Ware, sondern allein die Quantität der zu ihrer Produktion im Durchschnitt gesellschaftlich notwendigen allgemein menschliche Arbeit.

    Die Lebenszeit der MM spielt keine Rolle. Sie wirkt nicht wertbildend.  Ebenso wenig kann normalerweise der unglückliche Konkurrent C, dessen gleichartige Maschine durch Brand, Überschwemmung, einen strengen Winter oder Schlendrian vorzeitig ihre Dienste eingestellt hat, als Kompensation seines Missgeschicks am Markt einen Aufschlag für verfrühte Ersatzbeschaffung durchsetzen. Bei der Wertbildung zählt allein die im Durchschnitt gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung der Ware. In diesem Durchschnitt finden zwar auch Reparaturfälle und Verluste durch Havarien usw. (normalerweise geringfügig) Berücksichtigung. Allerdings nur in dem Maß der Häufigkeit solcher Havarien im Durchschnitt aller Produktíonsmittel gleicher Art, so dass der Verlust durch die individuelle Erhöhung des Kostpreises beim Unglücksraben C (soweit keine Versicherung einspringt) dadurch nicht kompensiert wird:

    „Bei der Bestimmung des Verschleißes, wie der Reparatur kosten, nach gesellschaftlichem Durchschnitt, ergeben sich notwendig große Ungleichheiten, selbst für gleich große und sonst unter denselben Umständen befindliche Kapitalanlagen in demselben Produktionszweig. In der Praxis dauert für den einen Kapitalisten die Maschine etc. über die Durchschnittsperiode hinaus, bei dem andern nicht so lange. Die Reparaturkosten des einen sind über, die des andren unter dem Durchschnitt usw. Der durch den Verschleiß, wie durch die Reparatur kosten, bestimmte Preiszuschlag der Ware ist aber derselbe und wird durch den Durchschnitt bestimmt. Der eine erhält also durch diesen Preiszusatz mehr, als er wirklich zusetzt, der andre weniger. Dies, wie alle andren Umstände, die bei gleicher Exploitation der Arbeitskraft den Gewinn verschiedner Kapitalisten in demselben Geschäftszweig verschieden machen, trägt dazu bei, die Einsicht in die wahre Natur des Mehrwerts zu erschweren“

    (Kapital Bd. 2, MEW 24, S. 178)

    Die Summe der im Beispiel übertragenen Anteile am Wert der MM ist nach oben nicht durch „Abschreibung“ (= Kostpreis des A für diese eine Maschine), sondern in Wahrheit nur durch die Summe des Wertes aller gleichartigen Maschinen (mit unterschiedlicher Lebenserwartung) begrenzt. Der Kostpreis des A ist vielleicht längst durch Verkauf seiner Waren als Revenue in seine Kasse zurückgeflossen. Dennoch ist der Extraprofit, der dort klingelt, nicht durch wertbildende „Arbeit

    seiner MM entstanden, sondern in der Zirkulation durch Verkauf seiner Ware zu ihrem regulären Wert (gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung) realisiert worden. Die überlange Lebenszeit der MM erlaubt A lediglich, einen Teil des Wertes der Gesamtheit aller Produktionsmittel gleicher Art in die bei ihm produzierten Waren zu stecken und nach Durchlaufen der Zirkulationssphäre in Geldform als Revenue in seine Kasse zu leiten. Dem Pechvogel C fehlt durch das vorzeitige Ableben seiner Maschine hingegen der Teil seines konstanten Kapitals, der für den Ankauf der gleichartigen Maschine verausgabt wurde, aber durch ihr vorzeitiges Ableben nicht mehr „pro rata“ in die bei C produzierten Waren übertragen und gedeckt werden konnte. Insofern hat A den C und alle Konkurrenten expropriiert, deren gleichartige Maschinen vor der durchschnittlichen Zeit ihr Leben aushauchen.

    Titelbild: Foto der Electronic Delay Storage Automatic Calculator im Mathematischen Labor der Universität Cambridge, England, 1948, CC BY 2.0, https://w.wiki/FTMf

  • Zur Entstehungsgeschichte des „Manifestes der Kommunistischen Partei“

    Zur Entstehungsgeschichte des „Manifestes der Kommunistischen Partei“

    Zur Entstehungsgeschichte des „Manifestes der Kommunistischen Partei“

    Friedrich Engels hielt es für unmöglich, „dass das ‚Manifest‘ in irgendeiner Sprache herauskommt, ohne dass festgestellt wird, wie es zustande kam.“ Vertiefungen zum Manifest der Kommunistischen Partei – der Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Kommunismus.

    Ein Beitrag von:

    Anmerkung der Redaktion: Wir veröffentlichen hiermit die schriftliche Ausarbeitung zum Referat zur Entstehungsgeschichte des Manifest der Kommunistischen Partei. Das Referat ist ebenfalls auf YouTube zu finden:

    Liebe Genossinnen und Genossen,

    ich danke für das Angebot, hier etwas näher auf die Entstehungsgeschichte des „Kommunistischen Manifestes“ einzugehen, die uns u. a. lehrt, dass Arbeiterklasse und Wissenschaftlicher Kommunismus keine Gegensätze sind, wie das von bürgerlicher Seite gern behauptet wird, sondern gemeinsam nach ihrer programmatischen und organisatorischen Vereinigung strebten, die mit der Gründung des Bundes der Kommunisten, dessen Programm das „Manifest“ war, in ihrer ersten Form erfolgte.

    Damit genug der Vorrede!

    Friedrich Engels hielt es für unmöglich, „dass das ‚Manifest‘ in irgendeiner Sprache herauskommt, ohne dass festgestellt wird, wie es zustande kam. Die Folgerung aus dem II. und der ganze III. und IV. Abschnitt sind sonst völlig unverständlich.“ (MEW 36/380) Philipp ist in seinem Vortrag am 30. März zur Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland auf diese Frage eingegangen. Aber auch in der Vorlesung zu Revolution und Konterrevolution spielte das „Manifest“ eine Rolle. Ich möchte daran anknüpfen und Verschiedenes ergänzen – möglichst noch vertiefen.

    Zu zwei Themen will ich sprechen: 

    1. Die Geburtsurkunde des Wissenschaftlichen Kommunismus

    2. Nachträgliches zur Programmdebatte im Bund der Gerechten/Bund der Kommunisten

    1. Die Geburtsurkunde des Wissenschaftlichen Kommunismus

    Wir sind es gewohnt, im „Manifest der Kommunistischen Partei“  die Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Kommunismus zu sehen, insofern es auch als Parteiprogramm die erste Form der Vereinigung von wissenschaftlichem Kommunismus und Arbeiterbewegung verkörpert, ist es zugleich die Geburtsurkunde der kommunistischen Weltbewegung. Das unterstreicht die Losung des „Manifestes“:  „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Als Leitfaden und Richtschnur revolutionären Handelns, propagierten u. a. August Bebel und Franz Mehring das „Kommunistische Manifest“. Lenin erweiterte diese Sichtweise, indem er das „Manifest“ als ein erstes Werk des reifen Marxismus charakterisierte, dessen drei Hauptbestandteile hier bereits ausgeprägt sind. (LW 25/413 und 21/36) Das „Manifest“ sah er als dokumentarisches Zeugnis der Verschmelzung des Marxismus mit der Arbeiterbewegung. Für ihn war klar: „Dieses kleine Büchlein wiegt ganze Bände auf.“ (LW 2/10) Die Lebenskraft des „Manifestes“ ließ es zum Grunddokument des Marxismus werden. Friedrich Engels betont aber, man könne das „Manifest“ nicht voraussetzungslos zur Hand nehmen; jeder Satz, jeder Gedanke müsse wissenschaftlich erfaßt und durchdacht werden, um zu einer Anleitung zum Handeln zu werden.  Als Beispiel sei von mir der Satz genannt: „Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf“. Und Marx war der Meinung, dass ein bestimmtes intellektuelles Niveau der Arbeiterklasse erreicht sein muß, bevor diese das „Manifest“ richtig verstehen kann. Selbst der Geschulteste wird bei wiederholtem Lesen  zu einem vertieften Verständnis dieser Programmschrift und zu neuer Interpretation mancher Textstelle vordringen. Jede Generation liest das „Kommunistische Manifest“ auf ihre Weise, sucht Antworten auf ihre Fragen. So war das auch nach der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus. Da wurde mit Hilfe der sowjetischen Genossen von November 1945 bis Juni 1946 das „Manifest“ in 7 Ausgaben mit über 700.000 Exemplaren veröffentlicht.

    Der Begriff „Geburtsurkunde des Wissenschaftlichen Kommunismus“ schließt verschiedene Gesichtspunkte ein – auf zwei möchte ich eingehen.

    Erstens:  Was der Marxismus der Arbeiterklasse mit dem „Manifest“ gab, das war nicht der Kommunismus schlechthin, sondern der wissenschaftliche Kommunismus. Den Klassencharakter des frühen utopischen Kommunismus hat Engels anschaulich beschrieben: „Derjenige Teil der Arbeiterklasse, der sich von der Unzulänglichkeit bloßer politischer Umwälzungen überzeugt hatte und die Notwendigkeit einer totalen Umgestaltung der Gesellschaft forderte, dieser Teil nannte sich damals (30iger Jahre des 19. Jh. H.M.) kommunistisch. Es war eine noch rohe, unbehauene, rein instinktive Art Kommunismus, aber er traf den Kardinalpunkt und war in der Arbeiterklasse mächtig genug, um den utopischen Kommunismus zu erzeugen, in Frankreich den von Cabet, in Deutschland den von Weitling.“ (MEW 21/357)

    Was zeichnet den Wissenschaftlichen Kommunismus aus?

    Mit der Entdeckung der Befreiungsmission der Arbeiterklasse und ihres Doppelcharakters (einmal sich selbst, zum anderen die ganze Gesellschaft zu befreien) war der Weg gefunden, den Widerspruch zwischen Sozialismus und Klassenkampf zu lösen, der den großen Utopisten soviel Kopfzerbrechen bereitete, weil das Proletariat für sie nur eine leidende Klasse war. Zum Zeitpunkt des „Manifestes“ hatten Marx und Engels schon klar herausgearbeitet, woran die Wissenschaftlichkeit des Kommunismus zu messen ist. Die materialistische Geschichtsauffassung war entdeckt und formuliert, der Klassenkampf als Triebkraft der Geschichte erkannt. Der Kommunismus galt von nun an als ökonomisch begründete gesetzmäßige Notwendigkeit, als das gesetzmäßige Resultat der Wirkungen einer gesellschaftlichen Kraft, die der Kapitalismus erzeugt hat – der Arbeiterklasse. Es geht um Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Produktionsweise, Eigentum, Klassen und Klassenkampf. Die Ausbeutung wurde nicht nur verworfen und kritisiert, sondern erklärt. Entsprechend heißt es bei Friedrich Engels: „Der Kommunismus ist keine Doktrin, sondern eine Bewegung; er geht nicht von Prinzipien, sondern von Tatsachen aus. Die Kommunisten haben nicht diese oder jene Philosophie, sondern die ganze bisherige Geschichte und speziell ihre gegenwärtigen tatsächlichen Resultate in den zivilisierten Ländern zur Voraussetzung. Der Kommunismus ist hervorgegangen aus der großen Industrie und ihren Folgen, aus der Herstellung des Weltmarkts, aus der damit gegebenen ungehemmten Konkurrenz, aus den immer gewaltsameren und allgemeineren Handelskrisen, die schon jetzt zu vollständigen Weltmarktskrisen geworden sind, aus der Erzeugung des Proletariats und der Konzentration des Kapitals, aus dem daraus folgenden Klassenkampfe zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Der Kommunismus, soweit er theoretisch ist, ist der theoretische Ausdruck der Stellung des Proletariats in diesem Kampfe und die theoretische Zusammenfassung der Bedingungen der Befreiung des Proletariats.“ (MEW 4/321f)

    Das ist der Kern des Wissenschaftlichen Kommunismus: Die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats.(Engels) Nur so kann die kommunistische Theorie auch Anleitung zum Handeln sein. Das setzt voraus, dass die Verhältnisse und das theoretische Instrumentarium soweit entwickelt sind, dass sie die Einsicht in die Bedingungen der Emanzipation gestatten. Im „Manifest“ wird der Materialismus zur logischen Basis des Kommunismus, der Begründung der Befreiungsmission des Proletariats. Sein durchgehender Grundgedanke, der seinen Kern bildet und „einzig und ausschließlich Marx“ angehört, wie Engels in den Vorworten zur deutschen Ausgabe von 1883 und zur englischen Ausgabe von 1888 (MEW 4/578 ff) sagt, lautet: „… dass die ökonomische Produktion und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende gesellschaftliche Gliederung einer jeden Geschichtsepoche die Grundlage bildet für die politische und intellektuelle Geschichte dieser Epoche; dass demgemäß (seit Auflösung des uralten Gemeinbesitzes an Grund und Boden) die ganze Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen ist, Kämpfen zwischen ausgebeuteten und ausbeutenden, beherrschten und herrschenden Klassen auf verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung; dass dieser Kampf aber jetzt eine Stufe erreicht hat, wo die ausgebeutete und unterdrückte Klasse (das Proletariat) sich nicht mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bourgeoisie) befreien kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien… “ (MEW 4/577) Die Hervorhebung dieses Grundgedankens hält dazu an, konkrete gesellschaftliche Situationen dadurch transparent zu machen, dass man sie auf die gesellschaftlichen Grundwahrheiten zurückführt.

    Zweitens: Wenn wir das „Kommunistische Manifest“ als die Geburtsurkunde der kommunistischen Weltbewegung und des Wissenschaftlichen Kommunismus bezeichnen, so auch deshalb, weil es auf alle wesentlichen Fragen des Kampfes der Arbeiterklasse eine Antwort enthält. Nehmen wir zum Beispiel die Frage des Friedens, dann lesen wir: „Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“ (MEW 4/479) Klarer geht es nicht. Aber das „Manifest“ enthält keine neuen Erkenntnisse gegenüber den Erkenntnissen, die bis dahin von Marx und Engels schon gewonnen wurden. Es war ein Parteiauftrag, der erfüllt werden musste. Der Begriff „Geburtsurkunde“ schließt also ein, dass viele Fragen erst im Ansatz formuliert werden (z.B. war die Theorie des Mehrwertes noch nicht entdeckt). Das „Manifest“ repräsentiert „eine notwendige hohe Entwicklungsstufe der revolutionären Arbeiterbewegung, eine neue zeitbestimmte Qualität sozialistischen Denkens.“ (Reclam, Nachwort 1985, S. 118)  Allerdings behandelten Marx und Engels das „Manifest“ insofern als geschichtliches Dokument, als sie Veränderungen, die sich aus den Zeitverhältnissen ergaben – wir denken z. B. an 1872, in Vorworten nachwiesen, ohne den Text nachträglich zu korrigieren. Engels war grundsätzlich der Meinung, dass zu jeder Neuausgabe des „Kommunistischen Manifestes“ ein Vorwort gehört. Diese Vorworte dienten der Überprüfung, Präzisierung, Aktualisierung und Einführung in den Inhalt und die Geschichte des „Manifestes“.

    2. Zur Programmdebatte im Bund der Gerechten/Bund der Kommunisten

    Philipp ist in seiner Vorlesung auf die vier Phasen der im Bund der Gerechten/Bund der Kommunisten insgesamt über 10 Jahre lang geführten kollektiven Diskussion programmatischer Fragen eingegangen. An diesem theoretischen Ringen nahmen letztlich „Hunderte Bundesmitglieder sowie Mitglieder von Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereinen in wenigstens acht Ländern Europas teil.“ (Hundt, 1988/182) Es war eine Einheit von organisatorischer und ideengeschichtlicher Entwicklung. Die damalige und heutige Hauptfrage der proletarischen Bewegung war/ist m. E. die ideologische und organisatorische Befreiung des Proletariats von der Vormundschaft der Bourgeoisie.

    Gemeinsam, wenn auch zunächst unabhängig voneinander, rangen Karl Marx und Friedrich Engels, die einen ungeheuren Forschungs- und Lernprozess durchmachten, sowie eine fortgeschrittene kleine Schar organisierter Arbeiter um eine wissenschaftlich begründete Lehre für die Erfüllung ihrer Befreiungsmission. Wir haben nicht die Zeit, diese Diskussion und den taktischen Plan von Marx und Engels in allen Details nachzuzeichnen, sondern nur in einigen. Deshalb empfehle ich euch die kleine Broschüre des Marx/Engels Forschers Martin Hundt „Wie das ‚Manifest‘ entstand“, Dietz Verlag Berlin 1973 und 1985. Sie bildet die unmittelbare Grundlage für meinen Vortrag. Ebenso die Arbeiten von Waltraud Seidel-Höppner, Joachim Höppner, Henry Görschler und Wolfgang Meiser.

    Im Prozeß der Entstehung des „Manifestes“ zeigt sich das bewusste Aneinander-Wachsen sich gegenseitig fordernder Partner. Für uns ist es wichtig zu erkennen, erstens, dass im „Kommunistischen Manifest“ als erstem wissenschaftlich begründeten Parteiprogramm Fragen beantwortet wurden, die sich in der Arbeiterbewegung seit ihrem Aufkommen angesammelt hatten und auf die es keine befriedigen Antworten gab. Zweitens,  dass in der Vorperiode vor den Revolutionen von 1848 „das Bedürfnis nach politischer und theoretischer Klärung dem Wirken von Marx und Engels günstig (war), blanquistisch-französische und deutsche Arbeiterkommunisten in einer gemeinsamen Organisation von Kommunisten und auf gemeinsamen theoretisch-politischen Grundlagen zusammenzufassen.“ (Robert Steigerwald, MB 1/1988, S. 123) Aus diesem Prozeß ist das „Manifest“ hervorgegangen. 

    Bereits um 1836 bis 1838 beginnt im Bund der Gerechten das Ringen um ein spezifisches Arbeiterprogramm, eben deshalb hatten sich „die proletarisierten und durch die Wirtschaftskrise radikalisierten Handwerksgesellen“ (Engelberg) vom Bund der Geächteten abgespalten, der unter bürgerlich-demokratischer Führung stand. In ihrem Denken und Handeln spielte das Verlangen der Handwerksburschen, die Ausbeutung zu beschränken bzw. gar abzuschaffen, keine Rolle. Erstmalige organisatorische und politische Selbständigkeit der proletarischen Kräfte sollte erreicht werden. Damit trat die deutsche Arbeiterbewegung ins Leben. Friedrich Engels schrieb über diese historische Stunde der erwachenden Arbeiterklasse: „Es gereicht … (den Handwerksgesellen H.M.) zur höchsten Ehre, daß sie, die selbst noch nicht einmal vollgültige Proletarier wären, sondern nur ein im Übergang ins moderne Proletariat befindlicher Anhang des Kleinbürgertums, der noch nicht im direkten Gegensatz gegen die Bourgeoisie, d. h. des großen Kapitals, stand – daß diese Handwerker imstande waren,  ihre künftige Entwicklung instinktiv zu antizipieren und, wenn auch noch nicht mit vollem Bewußtsein, sich als Partei des Proletariats zu konstituieren.“ (MEW 21/210) Die Behauptung bürgerlicher Historiker, antikapitalistisch-kommunistische Tendenzen seien bald wieder überwunden worden, ist falsch. Martin Hundt weist nach: „Überwunden wurden die verschiedenen kommunistischen Lehren nicht, weil sie kommunistisch, sondern weil sie zuwenig kommunistisch waren, zu ungenau die Interessen der Arbeiterklasse widerspiegelten.“ (1973/ 16) Die kommunistischen Theorien wurden keineswegs abgewehrt oder abgestoßen, vielmehr gab es ein schwieriges, ernsthaftes, unter Umständen auch unbewusstes Suchen zum Wissenschaftlichen Kommunismus. Dabei wurden alle Wandlungen des französischen und englischen Sozialismus und Kommunismus, wie ihrer deutschen Spielarten durchlaufen, schrieb Marx. (MEW 14/438)

    Der Bund der Gerechten, Vorsitz Wilhelm Weitling, war die kleinste, aber internationalste und theoretisch aufgeschlossenste Abteilung der Arbeiterbewegung, die auch danach strebte, die frühere geheimbündlerische Organisationsstruktur zu überwinden. Kern der laufenden ideologischen Diskussion war die Frage, welche Art Gleichheit das Ziel des Bundes sei. Jetzt hieß dieses Ziel nämlich „Gemeinschaft“ oder „Gütergemeinschaft“ – es hieß Kommunismus, vorher war es im Bund der Geächteten die demokratische Republik. So begann das erste kollektive Ringen um ein Programm des Bundes der Gerechten, 1838 in Paris. Die Mitglieder verlangten nach einer Schrift über die Gütergemeinschaft. Wilhelm Weitling wurde beauftragt, eine Broschüre zu verfassen. Ende 1838 entstand dann seine Schrift „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte.“ Geistige Anleihen nahm er bei den französischen und englischen Utopisten auf. Aus ihrer Literatur schöpfte er das erste deutsche System des Arbeiterkommunismus und bringt als einer der ersten ihre Gesellschaftskritik dem Proletariat nahe.

    Arbeiterkommunismus – was ist das?

    „Arbeiterkommunismus“, schreibt Joachim Höppner, „ist die theoretische und politische Strömung des Frühproletariats, die sich in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts in Frankreich, England und Deutschland ausprägt und die Erfahrungen der ersten Kämpfe des westeuropäischen Proletariats verallgemeinert, um die Arbeiterbewegung als ideologisch und politisch-organisatorisch selbständige Kraft zu formieren.“ (Waltraud Seidel-Höppner, Joachim Höppner, Sozialismus vor Marx, Akademie Verlag Berlin 1987, S.108) Die französischen und deutschen Arbeiterkommunisten – so Etienne Cabet, Kopf des reformistischen Flügels, Jean-Jacques Pillot, Theodore Dezamy, Auguste Blanqui, Wilhelm Weitling – alle vier dem revolutionären Flügel zugehörig, interpretieren die radikalen Lehren der bürgerlichen Revolution (Babeuf, Robespierre) und die Gesellschaftskritik des kritisch-utopischen Sozialismus im proletarischen Sinn. Der englische Arbeiterkommunismus knüpfte theoretisch direkt an die Lehren des utopischen Sozialisten Robert Owen an, praktisch war sein Anknüpfungspunkt die Genossenschaftsbewegung. Mit dem Aufkommen des Chartismus wurde der englische Arbeiterkommunismus politisch. Die Chartistenführer Julian Harney und Ernest Jones standen im direkten Kontakt mit Marx und Engels.

    Im Proletariat erblicken die Arbeiterkommunisten jene Klasse, die als unmittelbarer Produzent materieller Güter die Gesellschaft trägt, die auf Grund ihrer ausgebeuteten und unterdrückten Lage am meisten an der kommunistischen Umgestaltung interessiert ist. Der soziale Antagonismus kann nur durch die Beseitigung des Privateigentums, durch eine Revolution und die Schaffung kommunistischer Eigentumsverhältnisse überwunden werden. Der Arbeiterkommunismus konnte aber noch nicht zu den historischen Entwicklungsgesetzen vordringen. „Die unreifen Verhältnisse“, so Höppner, „verurteilten die Arbeiterkommunisten zur Utopie, insbesondere ihre Suche nach einem gangbaren Weg zur Ablösung der kapitalistischen durch die kommunistische Gesellschaft.“ (Höppner, a.a.O, S. 110f) Theoretisch kündigt der Arbeiterkommunismus das reifende Bewußtsein des Proletariats über seinen Interessengegensatz zur Bourgeoisie an. Aber die Arbeiterkommunisten bekommen weder die historische Klassenspezifik noch die innere Dynamik der Revolutionen in den Griff. Vergangene Revolutionen werden so zu „verpassten Gelegenheiten“. Die Genossen scheitern an der Dialektik von objektiver Gesetzmäßigkeit und subjektivem Handeln.

    Doch zurück zum Arbeiterkommunisten Wilhelm Weitling.

    Die neue Gesellschaft, davon war er überzeugt, müsse durch eine kommunistische Revolution herbeigeführt werden. Darin, die Revolution als notwendig zu erkennen, überragt er alle anderen Utopisten.„Der Umsturz des alten Bestehenden ist Revolution; folglich ist der Fortschritt nur durch Revolutionen denkbar. Es lebe die Revolution!“ Sie führe zunächst zu einer Diktatur und beseitige das Hauptübel, das Privateigentum. In dieser neuen Ordnung seien Kriege nicht mehr nötig: der Feind stehe nicht jenseits der Grenzen, sondern im eigenen Land. Die Grenzen müssten fallen. Eine Weltsprache sei nötig. Die erforderlichen Kräfte dieser Revolution sah Weitling teilweise schon in der Arbeiterklasse — die er also als erster nicht nur als leidende Klasse sah, sondern auch als kämpfende — sowie in anderen Schichten, die vom Kapital deklassiert worden waren. An die Arbeiter gewandt, schrieb er:“Glaubet nicht dass ihr durch Vermittlung mit euren Feinden, etwas ausrichten werdet, eure Hoffnung liegt nur in eurem Schwerte. Jede Vermittlung zwischen euch und ihnen ist zu eurem Nachteile berechnet. Ihr habt schon oft davon die Erfahrung gemacht, es ist hohe Zeit, Nutzen daraus zu ziehen. Es ist eine traurige Erfahrung, dass sich die Wahrheit einen Weg durch Blut bahnen muss.“ Bei Weitling wird Jesus zum ersten Kommunisten, was Marx zu sarkastischen Bemerkungen veranlasste. Den Glauben will er in den Dienst der kommunistischen Propaganda stellen. So geschieht es im „Evangelium eines armen Sünders“. Später baute er den Gedanken vom revolutionären Kampf der Volksmassen als dem wichtigsten Mittel zur Erreichung der Kommunistischen Gesellschaft weiter aus, sah aber in der Revolution letztlich nur einen elementaren und zerstörenden Ausbruch der verzweifelten Volksmassen. Die wissenschaftliche Einsicht in die Entstehungsursachen der Übel des Kapitalismus und den Doppelcharakter der Befreiungsmission der Arbeiterklasse blieb ihm versagt. Den Kommunismus hielt Weitling jederzeit für möglich. Weitlings Kommunismus war eine „Reproduktion der französischen Ideen innerhalb der durch die kleinen Handwerksverhältnisse beschränkten Anschauungsweise“, heißt es in der „Deutschen Ideologie“. (MEW 3/449)

    Der Magdeburger Schneidergeselle, dessen Hauptwerk, die „Garantien der Harmonie und Freiheit“ von Marx als „maßloses und brillantes literarisches Debüt der deutschen Arbeiter“ (MEW 1/405) gewürdigt wurde, den Heine und Feuerbach hoch schätzten, den Rosa Luxemburg als „genial“ bezeichnete,  hat die Arbeiterbewegung im Prozeß ihrer Entwicklung zur selbständigen politischen Kraft einen bedeutsamen Schritt vorwärts geführt. Sein Zukunftssystem, obwohl insgesamt utopistisch, weil es seiner Zeit abverlangte, was die geschichtlichen Bedingungen noch nicht hergaben, hatte einen fest verankerten proletarischen Kern. Außerdem: „Zur Begründung des Wissenschaftlichen Kommunismus gehörte mehr, als ein Proletarier unter den Bedingungen der kapitalistischen Arbeitsfron und des Bildungsprivilegs zu leisten vermochte“, schreibt Waltraud Seidel-Höppner in ihrem Buch: „Wilhelm Weitling, der erste deutsche Theoretiker und Agitator des Kommunismus“, S.198. Weitling sperrte sich jedoch gegen Marx. In demselben Verhältnis, in dem Weitling seine Utopie verteidigt, entfremdet er sich damit der Arbeiterbewegung.

    Das von Weitling verfasste Programm widersprach dem Bemühen nach Kürze. Diesen Anspruch erfüllte der Katechismus (Frage-Antwort) bzw. das Glaubensbekenntnis. Von solcher Art war ein Fragment KarlSchappers, Gründungsmitglied des Bundes. Es nennt sich „Gütergemeinschaft“ und war vermutlich ein Konkurrenzprogramm zu dem von Weitling. Schappers Fragespiegel wurde faktisch zum Ausgangspunkt weiterer Überlegungen. Auch er malte die künftige kommunistische Gesellschaft im einzelnen aus, beinhaltete aber zugleich programmatische Gedanken, die die Arbeiterbewegung noch lange begleiten sollten. So das Problem der Verteilung nach der Leistung als eines noch nicht konsequent kommunistischen Prinzips. Kernstück des kollektiv erarbeiteten Denkens im Bund der Gerechten von 1838 war für Weitling und Schapper: die „feste und innige Überzeugung…, dass nur dann die Menschheit wirklich frei und glücklich wird, wenn alle Menschen, nach Völkern, in einem Staatsverbande leben, wo alle völlig gleiche Rechte an den Gütern der Erde und deren Genuss besitzen und wo alle gleichmäßig auf irgendeine Weise an deren Hervorbringung oder Erhaltung zum gemeinschaftlichen Wohle aller arbeiten, wenn also Gütergemeinschaft besteht.“ (Hundt, 1973/19)

    Wie ging es nun weiter mit der Diskussion im Bund der Gerechten?

    Durch die Niederschlagung des Aufstandes der in Frankreich als revolutionäre Geheimorganisation 1837 entstandenen blanquistischen Gesellschaft der Jahreszeiten am 12. Mai 1839 in Paris, kam es zu einer tiefen Krise der theoretischen Entwicklung im Bund der Gerechten. Unter dem Eindruck einer Kabinettskrise der konstitutionellen Monarchie war von den Blanquisten beabsichtigt, durch kühnen Handstreich eine revolutionäre Diktatur zu errichten. Im Ergebnis der schnellen Niederlage dieses Putsches und der Gleichgültigkeit des unvorbereiteten Volkes wurde der Gedanke der Revolution für einige Jahre verworfen. Zwischen Putsch und Revolution konnte man noch nicht unterscheiden. Der Bund beendete seine Verbindung zu den Blanquisten. Es begann die Zeit der engsten Anlehnung an Etienne Cabet, der den Kommunismus durch friedliche Propaganda, zu der auch die Einrichtung „kommunistischer“ Musterkolonien in Amerika (anknüpfend an den kritisch-utopischen Sozialisten Robert Owen) dienen sollte, einführen wollte. Er hat den utopischen Roman „Reise nach Ikarien“ verfasst (Ikarien ist das Ergebnis einer Revolution, die vom Volke und im Interesse des Volkes durchgeführt wurde, an der Spitze des bewaffneten Aufstandes stand der Volksheld Ikar, der zum Diktator ausgerufen, eine Umgestaltung zum Kommunismus einleitet).

    Hermann Ewerbeck

    Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Katechismus des Pariser Bundesmitglieds Hermann Ewerbeck. Den Gegensatz von Kapitalismus und Kommunismus fasste er in Begriffe wie Disharmonie und Harmonie, egoistischer Mensch und Gesellschaftsmensch, Vereinzelung und Assoziation. Er sprach vom Kommunismus als „Sozialsystem“. Den Kapitalismus bestimmte er als nachfeudale Stufe der menschlichen Entwicklung, sah aber nicht seine zeitweilige Notwendigkeit. Ewerbeck hatte einiges von Marx gelesen – Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; Zur Judenfrage -, aber sein Katechismus, wenige Monate vor den Feuerbach-Thesen geschrieben, spiegelte Marx sehr eigenartig wider. Die Revolution, die Marx in das gesellschaftliche Denken einbrachte, fehlte hier völlig. Ewerbeck propagierte Cabet und übersetzte ihn. Das war die reformistische Linie in Paris.

    In London, wo die größte internationale Zweigorganisation des Bundes der Gerechten ihren Sitz hatte, entwickelte es sich anders. Die sogenannte „Londoner Diskussion“ von 1845 nimmt in der Vorgeschichte des „Manifestes“ einen bedeutenden Platz ein. Hier verabschiedete sich der Bund von den utopischen Lehren, die keine befriedigenden Antworten gaben und in der Praxis zu Misserfolgen führten. Engels sprach von einer „stillen Umwälzung“, die sich im Bund und unter den Londoner Leitern vollzog, weil die Erfahrungen im Zentrum des kapitalistischen Weltmarktes andere waren, als die in der zurückgebliebenen Schweiz bei Weitling. Der Weg zur Aufnahme des Marxismus wurde frei gemacht. „Die Unzulänglichkeit der bisherigen Auffassung des Kommunismus, sowohl des französischen einfachen Gleichheitskommunismus wie des Weitlingschen, wurde ihnen mehr und mehr klar.“ (MEW 21/214)

    Der Abschied des Bundes der Gerechten von der Utopie war also abgemacht. Wie sah nun dieser Abschied aus?

    Ende 1844 hatte man beschlossen, die Differenzen, die es im Bund zwischen der Londoner Leitung und Weitling aufgrund der praktischen Erfahrungen gab, durch eine allgemeine Diskussion zu entscheiden. Dazu arbeitete Weitling 18 Fragen aus, die die Londoner Diskussion strukturierten. Ich gehe hier nur auf Frage 7 und Frage 10 ein. Das ganze Protokoll der Diskussion ist nachzulesen in der Gemeinschaftsarbeit DDR/UdSSR: Der Bund der Kommunisten, Dokumente und Materialien, Berlin 1970, Band 1, 1836-1849, S. 214ff (Dokument 64).

    Frage 7: Welche Leute haben das meiste Interesse für die Einführung des Kommunismus und welche von diesen die meisten Mittel zur Beschleunigung der Einführung desselben. Da Weitling die Frage nicht beantworten konnte, warum es bisher noch keinen Kommunismus gab, wenn er doch immer möglich sei, führte sein Weg auch nicht zum Wissenschaftlichen Kommunismus. Er entwickelte abenteuerliche Konstruktionen von einer Koalition aus persönlichen Gründen wohlmeinender Fürsten, des Lumpenproletariats, der stets begeisterungsfähigen Jugend und der gefühlsbetonten Frauen. Ihm wurde entgegnet: „Nein! die Arbeiter werden es tun.“ Hier kam nun das erste Eingreifen von Marx und Engels in die Diskussion, sie trafen sich im Juli und August 1845 mit den Leitern des Bundes der Gerechten in London. Engels soll einige Exemplare seines Buches „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ befreundeten Bundesmitgliedern überreicht haben. Und so hieß es dann: „Lassen wir uns ein Beispiel an den Gelehrten nehmen und richten wir unser Augenmerk auf die Fabrikstädte.“

    Ein letztes großes Aufeinanderprallen der Meinungen brachte die Diskussion der Frage 10.

    Frage 10: Welches ist der von jedem System unabhängige Kern des vollkommenen Kommunismus? Prüfung der verschiedenen modernen und alten Systeme an dem Kern des Kommunismus.

    Weitling meinte: „Das, was ich tue, muß für alle gut sein.“ Bis zur klassischen Formulierung des „Manifestes“ war es noch ein weiter Weg. Ihr erinnert euch: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eine jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (MEW 4/482) Schapper fasste die Antwort auf Frage 10 so zusammen: „Wenn wir auf die menschliche Natur zurückgehen, so wird der Mensch nur in der Arbeit sein Glück finden. Arbeit und Genuss werden abwechseln, und eines jeden Glück wird vollkommen werden. Kein Zwang muss sein, denn der Mensch ist nicht faul; wenn der Mensch auf einer richtigen Stufe der Bildung steht, so wird er freudig arbeiten.“ Kommunismus lässt sich nicht auf die Befriedigung materieller Güter beschränken. „Nein, das Volk soll Mensch werden, es soll besonders geistig glücklich werden.“

    Im Ergebnis der Londoner Diskussion wurde beschlossen, Feuerbach zu studieren: „Religion und Zukunft“ – und wissenschaftliche Fragen zu beraten. Dieses Streben zum Studium der Philosophie war ein Ergebnis des Zusammentreffens mit Marx und Engels in London. Das Ringen um ein wissenschaftliches Programm des Bundes der Gerechten ging also weiter. In bestimmten Fragen stand man dem Marxismus schon recht nahe: Nutzlosigkeit der Utopie, Internationalismus des Kommunismus, Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen, Notwendigkeit gewaltsamer Revolution und Beseitigung des Privateigentums, in Deutschland steht die bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung. Die Frage aber, wie die kapitalistische Produktionsweise in ihrer Entstehung, ihrer Entwicklung und ihrem Untergang zu erklären ist, konnte mit Feuerbach nicht beantwortet werden. Die weitgehende Unklarheit über die Ökonomie des Kapitalismus hemmte die theoretische Entwicklung des Bundes. Martin Hundt schreibt: „Bis zur theoretischen Besitzergreifung der modernen kapitalistischen Industrie durch die revolutionäre Arbeiterbewegung musste ein weiter und schwieriger Weg des Um- und Neudenkens zurückgelegt werden.“ (Hundt 1973/37) Sehr schwer fiel es den frühproletarischen Handwerkern einzusehen, dass die kapitalistische Ausbeutung, die kapitalistische Industrie, gegenüber dem Feudalismus einen Fortschritt darstellte. Geniale Gedanken, in denen z. B. Weitling sich mit seiner Sicht auf die Rolle der Maschinen der marxistischen Sicht näherte, waren nicht zu übersehen. Illusionen wurden aufgegeben, Träume verworfen – auch hinsichtlich der abstrakten Gleichheitsforderung. Das war unbedingt im proletarischen Interesse. Nicht nur, dass Wissenschaft Illusionslosigkeit voraussetzt, nein – es gilt vor allem, dass „der Eigentumslosigkeit der Arbeiter nur die Illusionslosigkeit ihrer Köpfe entsprechen“ kann. (MEW 21/494) Sich dem historischen Materialismus zu nähern, bedeutete auch, sich einzugestehen, dass der Kommunismus gerade nicht zu jeder beliebigen Zeit möglich ist – weder durch einen Putsch noch durch große Sprünge. Die Verwirklichung des Kommunismus ist an ganz bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen gebunden. Marx und Engels hatten dies bereits herausgearbeitet: große Steigerung der Produktivkraft, hoher Grad ihrer Entwicklung. (MEW 3/34)

    Der Bund war also auf dem Weg zu erkennen, dass der Kommunismus als Theorie nur der weltanschauliche Ausdruck der Interessen der Arbeiterklasse sein kann und als Praxis nur durch die Verwirklichung der historischen Mission entsteht.

    Konnte es 1844 noch keine Verschmelzung von Marxismus und Arbeiterbewegung geben, so war das 1845/1846 schon anders. Wir können aus der Entstehungsgeschichte des „Manifestes“ die Schlussfolgerung ziehen, dass sich die „Herausbildung des Marxismus…in genauester Kenntnis der theoretischen Bedürfnisse der Arbeiterbewegung vollzog.“(Hundt 1973/55) Keine der aufeinander zustrebenden Richtungen ließ auch nur einen Tag ungenutzt: die einen hatten sich von der Utopie ab- und der Wissenschaft zugewandt – hier dem Studium Feuerbachs, von Marx und Engels empfohlen. Die anderen wollten ihre wissenschaftlichen Resultate nicht nur aufschreiben, sondern die Arbeiter für ihre Überzeugung gewinnen – dafür hatten sie einen taktischen Plan. „Dieses rasche Beschreiten der aufeinander zuführenden Wege hatte seine Ursache in erster Linie in der historischen Notwendigkeit und daher im objektiven und bald auch bewussten Bedürfnis nach Vereinigung, aber auch in der bereits vorhandenen Bekanntschaft miteinander.“ (Hundt 1973/50) Das „Manifest“ begründet, dass der Bildungsprozess der Kommunistischen Partei, zu dem die Vereinigung von Wissenschaft und Arbeiterbewegung gehört, ein gesetzmäßiger Prozeß ist, der aus dem Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital resultiert.

    Feuerbach, der eifrig studiert wurde, fasste die prakltische-menschliche Tätigkeit nur abstrakt theoretisch auf. Der damit verbundene Kultus des abstrakten Menschen, die Schwäche des Feuerbachschen Materialismus, wurde vom „wahren Sozialismus“ (Karl Grün) ausgenutzt. Friedrich Engels begründet die Notwendigkeit der Bekämpfung dieser Art theoretischen Unsinns in seiner Arbeit „Der Status quo in Deutschland“: „Der wahre Sozialismus ist durch und durch reaktionär. Die Bourgeoisie hat diese reaktionäre Tendenz des wahren Sozialismus längst gemerkt. Sie hat aber diese Richtung ohne weiteres für die literarische Repräsentantin auch des deutschen Kommunismus genommen und den Kommunisten  öffentlich und privatim vorgeworfen, daß sie mit ihrer Polemik gegen Repräsentativverfassung, Geschworenengerichte, Pressfreiheit, mit ihrem Geschrei gegen die Bourgeoisie nur den Regierungen, der Bürokratie, dem Adel in die Hände arbeiteten. Es ist hohe Zeit, daß die deutschen Kommunisten endlich diese ihnen zugemutete Verantwortlichkeit für die reaktionären Taten und Gelüste der wahren Sozialisten ablehnen. Es ist hohe Zeit, daß die deutschen Kommunisten, die das deutsche Proletariat mit seinen sehr deutlichen, sehr handgreiflichen Bedürfnissen repräsentieren, sich aufs allerentschiedenste trennen von jener literarischen Clique…, die selbst nicht weiß, wen sie repräsentiert, und deshalb wider Willen den deutschen Regierungen in die Arme taumelt…. In der Tat, wir Kommunisten haben nichts gemein mit den theoretischen Hirngespinsten und Gewissensskrupeln dieser spitzfindigen Gesellschaft. Unsre Angriffe auf die Bourgeoisie unterscheiden sich ebensosehr von denen der wahren Sozialisten, wie sie sich von denen des reaktionären Adels, z.B. der französischen Legitimisten oder des Jungen Englands, unterscheiden.“ (MEW 4/ 40)

    Der „Wahre Sozialismus“ kannte keine Klasseninteressen und verwandelte alle kommunistischen Anschauungen in „liebesschwülen Gemütsstau“ (MEW 4/487) allgemeiner Menschlichkeit, gab sich aber als kommunistisch aus. Die Auseinandersetzung mit ihm erfolgt im dritten Abschnitt des „Manifestes“, der sich insgesamt mit der sozialistischen und kommunistischen Literatur der damaligen Zeit befasst. Er enthält die Grundsätze der Ideologiekritik des Marxismus und ist deshalb als einziger Teil des „Manifestes“ von Marx und Engels auch separat abgedruckt worden.

    Die Naziideologie wandelte auf den Spuren des „wahren oder deutschen Sozialismus“. Hans Günther hat das in „Der Herren eigner Geist“ analysiert. (Reprint Akademie-Verlag Berlin 1981, S. 121ff) Walter Ulbricht schrieb „Ein Lehrbuch für das deutsche Volk über das Wesen des Faschismus“ – es hieß: Die Legende vom „Deutschen Sozialismus“, Verlag Neuer Weg Berlin 1946.

    Marx und Engels, die sahen, dass die Gefahr des „wahren Sozialismus“ mit seinem rechten Opportunismus bekämpft werden musste, hatten zum Erfahrungsaustausch und zur Verbreitung des Wissenschaftlichen Kommunismus Anfang 1846 das Kommunistische Korrespondenzkomitee mit Sitz in Brüssel gegründet. Dieses Komitee arbeitete mit Briefen und Zirkularen, es sollte einzelne Theoretiker, kleine sozialistische Gruppen und Zeitungsredaktionen in regelmäßigen Kontakt bringen sowie gemeinsame Stellungnahmen verfassen, später auch organisatorische Bindungen herstellen. Wo die Bemühungen Erfolg hatten, da bestand Aussicht auf Zusammenarbeit. Das Proletariat verstand seine Stellung immer umfassender, die sein Selbstbewusstwerden begleitenden Theorien hielten – außer dem Marxismus – den Anforderungen der Praxis des Klassenkampfes aber nicht stand. Die damit verbundene Verwirrung unter den sozialistischen Gruppen in mehreren Ländern war ein fruchtbarer Boden für den Eklektizismus „wahren Sozialismus“. Aus der Tätigkeit des KK ist der Zirkularbrief gegen den „Wahrsozialisten“ Kriege überliefert. (MEW 14/3ff) Im Juni 1846 schlugen Marx und Engels vor, einen allgemeinen kommunistischen Kongreß vorzubereiten. Eine Idee, die dann 1847 in Form des I. und II: Kongresses des Bundes der Kommunisten verwirklicht wurde. Am 30. März 1846 kam es zu einer Sitzung des Brüsseler Korrespondenzkomitees an der Weitling und Marx teilnahmen. Marx kritisierte scharf die „links“sektiererischen Ansichten Weitlings. Und indem er mit der Faust auf den Tisch schlägt beendet er seine Rede mit den Worten: „Niemals noch hat die Unwissenheit jemandem genützt!“ (Bdk 1/305; Hundt 1973/66)

    Proudhon

    Untrennbarer Bestandteil der Programmentwicklung war die Auseinandersetzung mit Proudhon – Karl Marx: „Das Elend der Philosophie“. Proudhon war ein kleinbürgerlicher Sozialist, der mit seinen Genossenschafts- und Tauschbankideen zwar dem Denken der Arbeiter sehr nah kam, aber in Wirklichkeit im Rahmen des Kapitalismus blieb. Was für verheerende ideologische Folgen das Fehlen eines Programms hatte, wurde Engels im Herbst 1846 in Paris klar, wo er an einer Sitzung des Bundes der Gerechten teilnahm. Hier in Paris hatte sich der Proudhonismus ausgebreitet. Als Engels fragte, ob man hier als beliebige Menschen oder als Kommunisten zusammen säße, erregte das Entsetzen. Es wurde schließlich die Grundfrage aufgeworfen: Was ist Kommunismus? Nach zehn Jahren wußte der Bund noch keine befriedigende Antwort. Friedrich Engels definierte die Absichten der Kommunisten dahin: „1. die Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeoisie durchzusetzen; 2. dies durch die Aufhebung des Privateigentums und Ersetzung desselben durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein andres Mittel zur Durchführung dieser Absichten anzuerkennen als die gewaltsame, demokratische Revolution.“ (MEW 27/61)

    Für Marx war klar, dass die Mitglieder der Bundesleitung allein zu keinem wissenschaftlichen Programm kommen konnten. Mit seinem Anti-Proudhon, der als Angriff gegen das Unverständnis Proudhons für die Zusammenhänge des historischen Materialismus und als bedeutende Vorarbeit für das „Kommunistische Manifest“ zu verstehen ist, ergab sich die Möglichkeit, den Leitern des Bundes indirekt die vorhandenen theoretischen Unzulänglichkeiten deutlich zu machen. Das „Elend der Philosophie“ war die entscheidende Vorarbeit für den I. Kongreß des Bundes der Kommunisten. Der Marxismus trat erstmals in seiner bis dahin reifsten Gestalt an die Öffentlichkeit. Die Einheit und Notwendigkeit von ökonomischem und politischen Klassenkampf wurde bewiesen, die historische Mission des Proletariats und das Wesen des Kommunismus klar formuliert, Proudhons System als das bestehende kapitalistische überführt. Ein Vergleich des „Elends der Philosophie“ mit dem „Kommunistischen Manifest“ zeigt, dass ohne den Entwicklungsstand des Marxismus im Anti-Proudhon der entscheidende Kern eines wissenschaftlichen Programms undenkbar gewesen wäre.

    Ende der Utopie

    Die theoretische Krise des Bundes der Gerechten von 1846 hatte zum Ergebnis, dass jetzt völlig klar war, die Flucht von einer utopischen Schule zu einer anderen war kein Ausweg, dem Verständnis des eigenen Kampfes waren alle diese Theorien nicht förderlich. Die Programmlosigkeit war die Wurzel allen Übels im Bunde. So lautete die Frage: Was tun? Die Fronten im Klassenkampf, die Auseindersetzung mit ihrer Verwischung im „wahren Sozialismus“ bedurften einer auf wissenschaftlichem Niveau stehenden offenen polemischen ideologischen und politischen Klärung. Die unmittelbare Teilnahme von Marx und Engels an der Diskussion seit 1843 wirkte sich sehr positiv aus. Durch das Korrespondenzkomitee erreichte sie auch eine organisatorische Form. 

    Es zeigte sich, „dass die Arbeiterbewegung zwar zum Kommunismus drängte, allein auf sich gestellt aber nicht in der Lage war, die gesamte Problematik zu bewältigen.“ (Hundt, Bund der Kommunisten, 1988/184). Die aus dem Arbeiterkommunismus gewonnen Erkenntnisse blieben lebendig: Notwendigkeit einer Revolution, Abwendung von putschistischen Ideen, Hinwendung zur langfristigen und möglichst legalen propagandistischen und organisatorischen Tätigkeit unter den Arbeitern, Ablehnung kommunistischer Kolonien als Hauptmethode der Einführung des Kommunismus und der bei Cabet damit verbundenen Auswanderungspläne.

    Mit ihrem wachsenden Einfluss auf den Bund der Gerechten gewannen Marx und Engels zugleich konkretere Anhaltspunkte für die Ausarbeitung ihrer Theorie. In Deutschland reifte 1847 eine revolutionäre Situation heran. Es nahte die bürgerliche Revolution. Marx und Engels traten Anfang 1847 in den Bund der Gerechten ein. Zuvor, im Herbst 1846 übernahm die Londoner Organisation die Leitung des Bundes der Gerechten. Beides war eine entscheidende Wende in der Bundes- und Programmentwicklung. In ihrer ersten Ansprache an den Bund im November 1846 ging die neue Leitung davon aus, dass ein einfaches „Kommunistisches Glaubensbekenntnis“ nötig sei, um die Uneinigkeit im Bund hinsichtlich der Frage, wie die kapitalistische Gesellschaft zu bekämpfen sei, beseitigt wird. Dazu wurden konkrete Fragen und Anweisungen zur Programmdiskussion herausgegeben. In der zweiten Ansprache an den Bund vom Februar 1847 erfolgte die Aufnahme der vollständigen Revision der bisherigen Statuten als Tagesordnungspunkt des I. Bundeskongresses. Drei Fragen wurden für die weitere Programmdiskussion gestellt: 1. Was ist Kommunismus , und was wollen die Kommunisten? 2. Was ist Sozialismus, und was wollen die Sozialisten? 3. Auf welche Weise kann die Gemeinschaft am schnellsten und leichtesten eingeführt werden? Zu beantworten war bei (3) auch die Frage nach der Ausgestaltung der als notwendig erachteten Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Offen kritisiert wurden die Fourieristen, die die kommunistische Gesellschaft bis in jedes Detail auszumalen versuchten.

    Auf dem I. Bundeskongress im Juni 1847 wurde der Bund der Gerechten in Bund der Kommunisten umbenannt. Das war zwingend erforderlich: Erstens bedurfte ein revolutionäres Parteiprogramm einer revolutionären Partei, deren Lebensäußerung es ist. Zweitens machte das Heranreifen der bürgerlichen Revolution die Schaffung einer Partei der Arbeiterklasse zur dringenden Aufgabe. Zur Umbenennung des Bundes der Gerechten gehört zugleich die Änderung der Bundeslosung in „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ statt „Alle Menschen sind Brüder“. Der Kongreß nahm einen Statutenentwurf an, in dem das alles verankert war. Zur Umbenennung wurde argumentiert: Um für Gerechtigkeit einzutreten, muß man nicht unbedingt Kommunist sein. Die Bundesmitglieder sind Kommunisten, weil sie die bestehende Gesellschaftsordnung und das Privateigentum angreifen und weil sie für die Gütergemeinschaft sind. Die Ideologie des Bundes war internationalistisch. Das durchgängige Organisationsprinzip war der demokratische Zentralismus– also die dialektische Einheit von Zentralismus und Demokratie. JeglicherAutoritätsaberglaube“, „sektiererisch-verschwörerische Züge“ wurden abgelehnt(der Organisationsaufbau muss dem wissenschaftlichen Herangehen entsprechen).Das hatten Marx und Engels bereits bei ihrem Eintritt in den Bund der Gerechten zur Bedingung gemacht.

    Eine feste organisatorische Grundlage für die Erarbeitung des Parteiprogramms war nun vorhanden. Als erster Programmentwurf wurde der hauptsächlich von Engels verfasste „Entwurf des kommunistischen Glaubensbekenntnisses“ von der Londoner Zentralbehörde versandt. Das war ein Entwurf, in dem der Marxismus, vertreten durch Engels, noch unmittelbar mit Überresten utopischen Denkens ringt. Er war auch noch in der gewohnten Form des Katechismus abgefasst – 22 Fragen und Antworten (veröffentlicht in: BdK 1, 470-475). Bestimmend war aber die Absicht der Delegierten, „durch fortwährende Berücksichtigung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die allein den Kommunismus erzeugt haben, stets einen sicheren Boden unter unsern Füßen zu behalten.“ (Bdk 1, 485) Dennoch gab es im Entwurf deutliche Kompromissformulierungen. So wurde auf die Entwicklung der Produktivkräfte hingewiesen, um dann auf die „ewigen Wahrheiten“ abzustellen, gewissermaßen die menschliche Natur, Sätze, die keines Beweises bedürften und für jeden Menschen gelten. In den Fragen 7 bis 13 wurde eine historisch-materialistische Begründung des Kommunismus gegeben – mit Sätzen aus dem „Elend der Philosophie“ und aus „Lohnarbeit und Kapital“, Revolutionen werden als Ergebnis objektiver gesellschaftlicher Prozesse aufgefasst, Verschwörungen wurden als schädlich eingestuft. Behandelt wird die Frage der Notwendigkeit einer Übergangsperiode. Zur Illustration die Frage 13 und die Antwort: “ Ihr glaubt also nicht, dass die Gütergemeinschaft zu jeder Zeit möglich war? Antwort: Nein. Der Kommunismus ist entstanden, seitdem es die Maschinen und anderen Erfindungen möglich machten, allen Mitgliedern der Gesellschaft eine allseitige Ausbildung, eine glückliche Existenz in Aussicht zu stellen. Der Kommunismus ist die Lehre von einer Befreiung, die nicht den Sklaven, den Leibeignen oder den Handwerkern möglich war, sondern erst den Proletariern, und daher gehört er notwendig dem neunzehnten Jahrhundert an und war zu keiner früheren Zeit möglich.“ (BdK 1, S. 473)

    Alle Mitglieder des Bundes waren aufgefordert, sich an der Programmdiskussion zu beteiligen.

    II. Bundeskongress

    Der Programmparteitag, wie wir heute sagen würden, war der II. Bundeskongress im Dezember 1847. Martin Hundt schätzt ein: „Es kam zwischen dem I. und dem II. Kongreß zur ersten umfassenden Programmdiskussion in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Sie war ein unerlässliches, ein konstitutives Element im Entstehungsprozess der ersten internationalen Partei des revolutionären Proletariats. (Hundt 1973 / 97) Organisatorisches Zentrum der Programmdiskussion war London, das geistige Zentrum – Brüssel – Marx und Engels.

    Aus der Zeit zwischen dem I. und dem II. Bundeskongress sind zwei Ereignisse besonders bemerkenswert.

    Erstens geht es um den Artikel „Proletarier“ von Karl Schapper, der in der „Kommunistischen Zeitschrift“ veröffentlicht wurde. Schapper ließ hier alle überwundenen Etappen der theoretischen Entwicklung des Bundes der Gerechten Revue passieren. Kommunisten sind keine Systemkrämer, keine Anhänger von „Liebesduselei“, keine Pazifisten, die jetzt schon Frieden predigen, während sich ihre Gegner an allen Orten zum Kampf rüsten, sie sind keine Verschwörer. Dann: „Wir sind keine Kommunisten, welche glauben, dass gleich nach siegreich bestandenem Kampfe die Gütergemeinschaft wie durch einen Zauber eingeführt werden kann. Wir wissen, dass die Menschheit keine Sprünge macht, sondern nur Schritt für Schritt vorwärts geht. Wir können nicht über Nacht aus einer unharmonischen in eine harmonische Gesellschaft eingehen, es bedarf hierzu einer nach Umständen längeren oder kürzeren Übergangsperiode. Das Privateigentum kann nur nach und nach in gesellschaftliches Eigentum umgewandelt werden.“ Die Haupterkenntnis des Bundes nach zehn Jahren Debatte war: Nicht utopische Systeme, sondern nur eine wissenschaftliche Auffassung vom Kommunismus kann den Weg nach vorn weisen.

    Zweitens hatte es in Paris Moses Heß unternommen, mit einer Neufassung das Glaubensbekenntnis opportunistisch zu verstümmeln. Engels nahm das Papier Punkt für Punkt auseinander. Ergebnis: Er wurde mit der Neufassung einer Stellungnahme  zum Glaubensbekenntnis beauftragt. So entstanden die „Grundsätze des Kommunismus“ (MEW 4/361ff). Der Aufbau des Glaubensbekenntnisses als Katechismus blieb erhalten. Die Grundsätze waren durchgängig auf der Höhe der materialistischen Geschichtsauffassung und gingen in einigen Punkten über das „Manifest“ hinaus. Engels entwickelte z. B. die Idee der gesamtgesellschaftlichen Planung. Er bemerkte schließlich, dass die Katechismusform nicht zu fassen vermochte, was das Programm nun aussagte. An Marx schrieb er: „Ich glaube, wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und titulieren das Ding: Kommunistisches Manifest: Da darin mehr oder weniger Geschichte erzählt werden muß, passt die bisherige Form gar nicht.“ (MEW 27/107) Die Grundsätze hatten ein sehr große Bedeutung für die Endfassung des „Manifestes“, waren das bedeutendste Ergebnis der Programmdiskussion und seine direkte Vorstufe. Engels brachte auch ein ökonomisches und soziales Programm mit, das die 17 Forderungen der Kommunisten für Deutschland vorwegnahm.

    Vom 29. November bis zum 8. Dezember 1847 tagte in London der II. Kongreß des Bundes der Kommunisten, Präsident des Kongresses war wieder Karl Schapper. Beschlossen wurde ein stark verbessertes Statut und die Abfassung des „Kommunistischen Manifestes“. Aller Widerspruch und Zweifel wurden nach 10 Tagen ausführlicher Debatte endgültig beseitigt. Im Statut hieß es: „Der Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum.“

    In der zweiten Dezemberhälfte 1847 schrieben Marx und Engels am „Manifest“. Sie hatten dazu sämtliche schriftlich vorliegenden Ergebnisse der Programmdiskussion des Bundes von der Zentralbehörde mitbekommen. Ende Dezember reiste Engels nach Paris und Marx vollendete im Januar 1848 die Niederschrift, er gab dem „Manifest“ die endgültige sprachliche Form. Februar 1848 erschien das „Manifest“, in das Marx und Engels gemäß des ihnen erteilten Auftrages alle vier Phasen der Programmdiskussion des Bundes entsprechend dem im Dezember 1847 erreichten Stand eingearbeitet haben. Die imFragenkatalog der Londoner Diskussion aufgenommen Fragen wurden im „Manifest“ als Einwürfe der Bourgeoisie gegen den Kommunismus bzw. die Kommunisten behandelt. Das „Manifest“ ist ein Dokument gemeinsamen Strebens und gegenseitiger Bereicherung von Theorie und Praxis.

    Hören wir zum Schluss den Kampfgefährten von Marx und Engels Friedrich Leßner. Er brachte das „Manifest“ zum Drucker und hat 1898 seine Erinnerungen unter dem Titel veröffentlicht „Vor 1848 und nachher. Erinnerungen eines alten Kommunisten“.

    Leßner schreibt: „Das erste Aufblitzen des kommunistischen Gedankens (gemeint ist Wilhelm Weitling – H.M.) hatte mich geblendet. Als ich aber Karl Marx im Jahre 1847 gehört und das ‚Kommunistische Manifest‘ gelesen und verstanden hatte, wurde es mir klar, dass Enthusiasmus und guter Wille einzelner Personen nicht genügten, eine Umgestaltung der menschlichen Gesellschaft herbeizuführen. In dem Momente, wo ich gelernt hatte, die wirtschaftliche Entwicklung als einen entscheidenden Faktor in der Menschheitsgeschichte zu würdigen, wurde ich nüchtern und klarblickend. Und was ich an Enthusiasmus und Phantasie verlor, gewann ich an Zielbewusstheit und Wissen.“ (Friedrich Leßner, Ich brachte das „Kommunistische Manifest“ zum Drucker, Dietz Verlag Berlin 1975, S. 45)

    Ich danke für die Aufmerksamkeit!

    Weiterführende Literatur

    Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei. Mit einem Anhang: Entwurf des Kommunistischen Glaubensbekenntnisses und Grundsätze des Kommunismus von Friedrich Engels, versehen mit einem ausführlichen Nachwort von Hans Kliem, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1985.

    Friedrich Engels, Zur Geschichte des „Bundes der Kommunisten“, MEW, Dietz Verlag Berlin 1962, Bd. 21, S. 206ff.

    Martin Hundt, Wie das „Manifest“ entstand, Dietz Verlag Berlin 1973 und 1985.

    Ders. (Hrsg.), Bund der Kommunisten 1836-1852, Studienbibliothek DDR-Geschichtswissenschaft, Band 9, Akademie-Verlag 1988.

    Waltraud Seidel-Höppner, Wilhelm Weitling der erste deutsche Theoretiker und Agitator des Kommunismus, Dietz Verlag Berlin 1961.

    Herweg Förder, Marx und Engels am Vorabend der Revolution, Akademie-Verlag Berlin 1960.

    Rudolf Herrnstadt, Die erste Verschwörung gegen das internationale Proletariat. Zur Geschichte des Kölner Kommunistenprozesses, Rütten&Loening, Berlin 1958.

    Der Bund der Kommunisten, Dokumente und Materialien, Berlin 1970, Band 1, 1836-1849

    Friedrich Leßner, Ich brachte das „Kommunistische Manifest“ zum Drucker, Dietz Verlag Berlin 1975.

  • Die marxsche Geschichtskonzeption vermitteln

    Die marxsche Geschichtskonzeption vermitteln

    Die marxsche Geschichtskonzeption vermitteln

    Ein Kommentar von Erik
    Wie kann die marxsche Geschichtskonzeption am besten vermittelt werden? Ein Erfahrungsbericht aus unserem Lesezirkel.

    Als wir uns mit den Textfragmenten aus dem Konvolut „Feuerbach, Textfragment. Deutsche Ideologie“]1 beschäftigten, wollten wir zunächst verstehen, wie Marx seine historisch-materialistische Geschichtsauffassung entwickelte. Für viele TeilnehmerInnen unserer Lesegruppe aber  war es das erste Mal, dass sie sich mit Marx beschäftigten. Aus diesem Grund entstand in den beiden Sitzungen eine besondere Dynamik, in der wir uns einerseits mit dem Inhalt der Texte befassten und andererseits verstehen mussten, welche Struktur Marx zur Analyse der Geschichte verwendete.

     Dieser Artikel wird sich vor allem auf diesen zweiten Teil konzentrieren, d.h. auf die Darstellung unserer gemeinsamen Schlussfolgerungen in dieser Hinsicht und auf einige kurze  Empfehlungen, wie die marxsche Geschichtskonzeption am besten an unerfahrene Genossinnen vermittelt werden kann.


    Einer der ersten Punkte, der im Kurs mehrfach zur Sprache kam, war, dass es schwierig war zu verstehen, was genau Marx an bestimmten Personen (Feuerbach) oder Gruppen (den Linkshegelianern) kritisierte. In Bezug auf seine Geschichtsauffassung haben wir zunächst festgestellt, dass Feuerbachs materialistische Analyse des Menschen keine Geschichte hat und dass die Geschichtsauffassung der Linkshegelianer idealistisch ist. Nun betont Marx, dass die Geschichte auf dem Materialismus beruht und dass der Materialismus eine Geschichte haben muss.

    Welche Kategorien verwendet Marx in seiner materialistische Geschichtsauffassung?

    Der zweite Punkt bestand in Fragen, wie Marx die Kategorie des Menschen im Kapitalismus oder allgemein analysiert oder warum er seine Analyse mit allgemeinen Produktionsformen beginnt und mit einer Schlussfolgerung über die kapitalistische Produktionsweise beendet? Wir werden diese Punkte mit der Frage nach dem „Verortung“ von Marx zusammenfassen.

    Doch bevor wir diese Frage beantworten können, müssten wir erst einmal festlegen, welche Kategorien Marx verwendet, um seine materialistische Geschichtsauffassung zu entwickeln. Nämlich eine „übergeschichtlich-abstrakte“, eine „konkret-historisch variable“ und eine „konkrete“-Kategorie.

    Eine historisch-materialistische Analyse des Menschen

    In dem Text legt Marx eine historisch-materialistische Analyse des Menschen vor. Wenn er also feststellt, dass die Menschen produzieren, in einer Gesellschaft leben und ein Bewusstsein haben müssen, um eine Geschichte zu haben (abstrakte Produktionsweise), befinden wir uns in der ersten Kategorie. Wenn er uns zeigt, dass sich die feudalistische Produktionsweise von der kapitalistischen Produktionsweise unterscheidet, befinden wir uns in der zweiten Kategorie, und wenn er die konkrete kapitalistische Produktionsweise analysiert, in der dritten.  Wir sehen hier, dass die Produktionsweise in drei verschiedenen Kontexten erscheinen kann, weshalb die Erklärung der „Verortung“ von Marx in seinen Analysen eine Voraussetzung dafür ist, die inhaltlichen Fragen beantworten zu können.

    Nachdem diese Struktur herausgearbeitet war, konnten wir uns mit einem neuen Problemfeld beschäftigen, nämlich der Marx’schen Dialektik; Fragestellungen wie z.B. warum die Arbeiterklasse eine revolutionäre Funktion hat, warum Marx von einer Auflösung der Klassengesellschaft ausgeht oder warum die Geschichte mit der Arbeitsteilung beginnt, konnten wir erklären, indem wir uns auf die Marx’schen Erklärungen zum Bewegungsablauf der Geschichte konzentrierten.

    Hierfür war es ebenfalls nützlich, die dreigliedrige Struktur zu verwenden. Auf einer „überhistorischen“ Ebene zeigt sich, dass die Arbeitsteilung Widersprüche innerhalb der Produktionsweise hervorruft, die zum Entstehen von Klassen (den gesellschaftlichen Akteuren der Geschichte) führen. Die Notwendigkeit, diese Widersprüche zu lösen, treibt die Geschichte voran und provoziert so die Entstehung neuer Produktionsweisen. Auf einer „konkret-historisch variablen“ Ebene vergleicht Marx spezifische Formen der Arbeitsteilung, ihre Widersprüche und ihre Klassen, so können wir sehen, dass auf der konkreten Ebene des Kapitalismus die Arbeitsteilung Privateigentum bedeutet, dass es Menschen gibt, die arbeiten/produzieren müssen, während andere für sich selbst Genuss und Konsum vorbehalten, und diese beiden sozialen Akteure nennt Marx die Arbeiterklasse und die Kapitalistenklasse.

    Das "doppelte Verhältnis des Lebens"

    Die Dialektik verdeutlicht auch, dass diese Ebenen nicht scharf voneinander getrennt sind, sondern dass sie sich gegenseitig beeinflussen und dass diese „Bewegung“ in eine Richtung geht (Fortschritt), die zur Auflösung der Klassen führen wird. Hier ist es wichtig, noch einmal daran zu erinnern, dass Marx eine materialistische Geschichtsauffassung hat und dass dieser Fortschritt in diesem Sinne nicht automatisch erfolgt, sondern von den gesellschaftlichen Akteuren realisiert werden muss.

    Ein letzter Aspekt der Auseinandersetzung mit dem Text, der sich als problematisch erwies, war zu verstehen, warum Marx die Kategorie des Menschen selbst auf verschiedenen Ebenen analysiert. Für Marx hat das Leben zwei Aspekte, einen natürlich-biologischen und einen sozialen Aspekt. Wir werden dies das „doppelte Verhältnis des Lebens“ nennen. Dieses Verhältnis ist eine überhistorische Tatsache, die in ihren jeweiligen konkreten historischen Zusammenhängen analysiert werden muss. Um bestimmte Produktionsweisen zu verstehen, müssen wir uns dieses Verhältnis stets vor Augen halten. Einerseits muss der Mensch z.B. genug essen und trinken, um arbeiten zu können, und in diesem Sinne hängt die gesellschaftliche Produktion von diesen biologischen „Zwängen“ ab. Auf der anderen Seite hat unsere besondere Produktionsweise ein spezifisches Verhältnis zur Natur. Im Kapitalismus zum Beispiel wird die Natur zerstört, um höhere Profite zu erzielen.

    Empfehlungen für die Arbeit mit Marx-Texten

    Indem wir diese drei Aspekte (historische Struktur, Dialektik und materielles Leben) des historischen Materialismus analysieren, können wir eine Matrix erstellen, die uns hilft zu verstehen, auf welcher Ebene und unter welchem Aspekt Marx gerade arbeitet. Dies war besonders nützlich, um die inhaltlichen Fragen einzugrenzen und genauer zu beantworten.

    Außerdem haben wir einige praktische Empfehlungen für die Arbeit mit Marx-Texten:

    Sich an den Text halten: Bei der Erläuterung marxistischer Konzepte ist die Versuchung groß, sich auf andere Texte und Autoren zu beziehen. Wenn dies jedoch nicht notwendig ist, haben wir festgestellt, dass es produktiver ist, auf der Grundlage des Textes zu arbeiten. Besonders für Menschen, die Marx zum ersten Mal lesen, können diese zusätzlichen Erklärungen überwältigend sein.

    Kontextualisierung ist wichtig: Es ist wichtig, den historischen Kontext zu kennen, in dem Marx sich befand, und zu wissen, wer die Leute waren, die er kritisierte. Das hat es uns leichter gemacht, den Text gemeinsam zu verstehen.

    Suche nach konkreten Beispielen und Austausch von Ideen: Marx schreibt über konkrete Dinge, daher ist es immer nützlich, konkrete Beispiele zu verwenden, um ihn zu erklären. Was genau eine Produktivkraft ist, gab Anlass zu einem regen Austausch in unserer Gruppe, der die verschiedenen Dimensionen dieser Kategorie verdeutlichte.

    1. Marx, Karl/Engels/Friedrich: Feuerbach, Textfragment. Deutsche Ideologie. Manuskripte und Drucke. In: MEGA2, Band 1/5. Berlin/Boston 2017, S.3-67. ↩︎

  • Musste es so kommen?

    Musste es so kommen?

    Die Abgaben drückten die Bauern herab. Zugleich waren sie ein Fortschritt gegenüber dem Frondienst.

    Von Philipp Kissel

    Musste es so kommen?

    Essay zur Frage der Gesetzmäßigkeit in der Geschichte und der Unvermeidlichkeit des Sozialismus

    Eine Frage hat uns in den ersten beiden Modulen des Studiengangs beschäftigt: Warum soll aus dem Kapitalismus zwangsläufig der Sozialismus entstehen? Warum nicht etwas anderes? Dieselbe Frage kann auch für die Vergangenheit gestellt werden: Warum resultierte der Feudalismus aus der Sklavenhaltergesellschaft und aus diesem der Kapitalismus? Was ist die Gesetzmäßigkeit und warum hätte die Geschichte nicht auch ganz anders verlaufen können

    Gesetzmäßigkeiten auf Geschichte und menschliche Gesellschaft anzuwenden, erscheint seltsam oder ungewohnt. Wir kennen diese eher aus den Naturwissenschaften. Gerade für Geschichte wird uns oft eher ein romantisches Bild vermittelt: Kaiser oder Generäle, die große Taten vollbrachten. Oder ein eher chaotisches: Alltagshandlungen, die eben so waren wie sie waren. Jede Stufe der menschlichen Entwicklung und ihrer Produktionsverhältnisse hat eigene Gesetzmäßigkeiten. Im Kapitalismus beispielsweise das Gesetz der Konkurrenz, das man nicht auslöschen kann ohne den Kapitalismus zu beseitigen. Und es gibt eine grundlegende Gesetzmäßigkeit der menschlichen Entwicklung: Die Entwicklung der Produktivkräfte und die Herausbildung von Produktionsverhältnissen. Im Laufe der Entwicklung bilden sich verschiedene Verhältnisse heraus, die am ehesten der Entwicklung der Produktivkräfte entsprechen. Das geschieht scheinbar durch Zufälle und auch tatsächlich durch Zufälle, also durch konkrete und spezifische Handlungen. Aber diese sind kein Zufall, also nicht beliebig. Sie sind  Ausdruck der Notwendigkeit oder besser gesagt die Form, in der die Gesetzmäßigkeit sich durchsetzt.

    In diesem Zusammenhang wurde uns klar, dass auch Phänomene der Geschichte der Menschheit, die wir als abscheulich empfinden, einen Fortschritt darstellten: Die Sklavenhalterproduktion ermöglichte große Fortschritte in der Kultivierung der Landschaft und schließlich in der Erschaffung von Staatswesen und Ausdrücken großer Kultur. Um beispielsweise Landschaften trocken zu legen, waren größere Massen Arbeitskräfte notwendig, die eingesetzt werden konnten, um wiederum eine größere landwirtschaftliche Produktion zu ermöglichen. Dies geschah historisch konkret in der einzig möglichen, zugänglichen Form und das war der Einsatz von Sklaven. Die Steigerung der Produktivität der dann folgenden großen landwirtschaftlichen Produktion war ebenfalls erstmal nur durch die einfache Kooperation der Sklavenarbeit möglich.

    Bereits in der Sklavenhalter-Epoche reift die nächste Form der größeren Produktivität heran: Die der freien Bauern und Gärtner, die ihre Arbeitsgeräte und anfangs zum Teil auch das Land besitzen und für sich – und dann auch für andere – produzieren können. Das Eigentum an den Produktionsmitteln, der freie Bezug zur Arbeit bringt die Steigerung der Produktivität gegenüber der Sklavenarbeit, in der keine Technik eingesetzt werden kann, weil die Sklaven sie nicht nutzen würden, weil sie ihre Arbeit, die unter Zwang und Elend stattfindet nur hassen können. Die Bauern schaffen es oftmals, statt Fronarbeit leisten zu müssen, die Produktenabgabe durchzusetzen und dadurch einen Teil der Produktivitätssteigerung, die sie erzielen, behalten zu können. Die spätere Geldabgabe bringt auf der einen Seite Schuldsklaverei mit sich, auf der anderen Seite führt sie zu einer Steigerung der Landwirtschaft, die für die industrielle Produktion neue Güter produziert. Geld bringt also Fortschritt in die Geschichte, weil es den Handel steigert, die Produktion anregt und die Speicherung von Wert ermöglicht. Die Marktwirtschaft, also die Ausweitung der Tauschverhältnisse, bringt ebenfalls Fortschritt. Es ist die Form, in der die vereinzelte Produktion des Feudalismus zusammen geführt wird. Man könnte sagen: Sie steigert den gesellschaftlichen Charakter der Produktion und damit steigert sie die Produktivkräfte.

    Hätten alle diese Schritte zur Steigerung der Produktivkraft auch anders vollzogen werden können? Sie hätten historisch konkret anders ablaufen können und in einzelnen Regionen der Welt war das auch so. Aber auf Weltmaßtstabs-Ebene konnten sie nur so vonstattengehen. Die Sklaverei war die damals mögliche Form der Steigerung der Arbeitskraft, im Feudalismus die der einzelnen Bauernproduktion. In diesem Sinne konnte aus der Sklaverei nur der Feudalismus folgen, weil nur so der Widerspruch aufgelöst werden konnte, der in der Sklavenhaltergesellschaft entstanden war: Mit der Sklavenarbeit war eine weitere Steigerung der Produktivität nicht mehr möglich, weil es Sklavenarbeit war und damit eine extrem entfremdete Arbeit, eine die Arbeitskraft zu stark unterdrückende Form der Arbeit. Die Steigerung der Produktivkräfte im Feudalismus wiederum erzwang eine Form, die größere Beweglichkeit, größere Zusammenballung von Arbeitskräften und die Sprengung der Auflagen der feudalen Herrschaft über die Arbeit ermöglichte. Durch den Kapitalismus wurden die Produktivkräfte von ihren feudalen Fesseln befreit – und auch hier gab es im Weltmaßstab nur diesen Weg zur nächsten Stufe der menschlichen Entwicklung. Die Fesseln, die wiederum der Kapitalismus den Produktivkräften anlegt, sind seit er in sein Stadium des Niedergangs (seit ca. 1900) getreten ist, in unerträglichem Maße deutlich zu erkennen. Und der nächste Schritt muss eine bestimmte Qualität aufweisen: Die Produktionsverhältnisse müssen dem enorm gesteigerten gesellschaftlichen Charakter der Produktion entsprechen und die Hürde des Privateigentums an den Produktionsmitteln aus dem Weg räumen.

    Das ist der Kern des Sozialismus und er ist deshalb unvermeidlich und er ist deshalb historisch bereits vollzogen worden. Die zwischenzeitliche Niederlage ändert daran nichts.

    Interessant ist, dass in dieser Übergangsperiode auch Mittel angewandt werden können (oder müssen?), die eigentlich aus der alten Formation stammen, aber noch nötig sind, um den Stand der Produktivkräfte auf ein Niveau zu bringen, das sie überflüssig macht. In der Sowjetunion mussten Anfang der 1920er Jahre in der „Neuen Ökonomischen Politik“ Marktelemente und Privateigentum zugelassen werden, um die zersplitterte Bauernökonomie und den Handel in Schwung zu bringen. Das waren politisch notwendige Maßnahmen, die aber auch mit der noch rückschrittlichen Verfasstheit der Ökonomie zusammenhingen. Ähnliches wurde für die Politik der Reform und Öffnung in China 1979 angeführt. Die Bedingung dafür, dass sie einem fortschrittlichen Zweck dienten, war, dass die „Kommandohöhen“ der Ökonomie in den Händen des proletarischen (oder in China dem Bündnis aus nationaler Bourgeoisie, Bauern und Proletariat) Staates waren. In diesen Händen können also im historischen Maßstab gesehen überkommene Methoden nützlich sein, um der neuen Gesellschaft zur Geburt zu verhelfen.

    Damit ist die nächste Frage unserer Diskussion aufgeworfen: Hängt es heute nur noch am subjektiven Faktor, also dem bewussten und organisierten Handeln, dass die Menschheit in die nächste Formation schreitet? Die Produktivkräfte sind überreif, der Sozialismus längst möglich, aber die bürgerliche Klasse kann sich noch halten. Was würde das bedeuten, wenn es „nur noch“ die politische Verfasstheit und Bereitschaft der internationalen Arbeiterklasse ist, auf die es ankommt? Und in welchem Verhältnis steht diese Frage zu den objektiven Bedingungen, mit denen diese Klasse konfrontiert ist?

  • Vollzieht sich Entwicklung überall gleich?

    Vollzieht sich Entwicklung überall gleich?

    Vollzieht sich Entwicklung überall gleich?

    Gedanken zum Charakter der sich gesetzmäßig vollziehenden Entwicklung.

    Von Paul Oswald

    Wie funktioniert gesellschaftliche Entwicklung, und was bedeutet es, dass sie sich gesetzmäßig vollzogen hat und weiterhin vollzieht? Diese Fragen gehörten zu den zentralen Themen im ersten Modul über den Historischen Materialismus. Besonders beschäftigt hat uns die Widersprüchlichkeit zwischen Produktionsverhältnissen und der Entwicklung der Produktivkräfte sowie die Erkenntnis, dass jede neu erreichte gesellschaftliche Stufe einen Fortschritt mit sich brachte. Der entscheidendste Punkt – den die bürgerliche Klasse mit allen Mitteln zu leugnen versucht – ist die Gesetzmäßigkeit (d.h. Zwangsläufigkeit) der kommunistischen Produktionsweise. Diese Erkenntnis wird verklärt, da sie den zwangsläufigen Untergang der bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Klasse impliziert.

    Zu Beginn des Moduls stellte sich die Frage, ob sich die gesetzmäßigen gesellschaftlichen Stufen überall auf der Welt gleichermaßen durchgesetzt haben und ob diese Annahme somit überhaupt Gültigkeit besitzt. Nicht jede Gesellschaft durchlief alle Entwicklungsstufen, und nicht in jeder Gesellschaft kam es zu revolutionären Umbrüchen. Dies hängt mit dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung zusammen. Betrachtet man die verschiedenen Kontinente, fällt auf, dass sich die Gesellschaften einerseits durch ihre natürlichen Bedingungen (z.B. geographische, klimatische) und andererseits durch ihren gesellschaftlichen Überbau (z.B. in den Ausprägungen des Staates) unterscheiden. Diese Unterschiede führten dazu, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen, ausgehend von den jeweiligen Bedingungen, in unterschiedlicher Geschwindigkeit vollzogen und verschiedene Ausprägungen annahmen. So entwickelte sich in China historisch kein Kapitalismus, obwohl es einen sehr weitentwickelten Feudalismus gab – Marx bezieht sich in diesem Zusammenhang an manchen Stellen auf die asiatische Produktionsweise. Und obwohl in China kein Kapitalismus entstand, kam es zu einer sozialistischen Revolution. Die Gesellschaften auf dem afrikanischen Kontinent befanden sich im 15. Jahrhundert zwischen der Urgesellschaft und dem Feudalismus. Die Produktionsweise der Sklaverei existierte in den afrikanischen Gesellschaften nie, obwohl es dort ebenfalls Sklaven gab. In Afrika kam es bis zu den antikolonialen Kämpfen nie zu einer revolutionären Entwicklung, da die Gesellschaften bis zum 15. Jahrhundert unterhalb des Feudalismus blieben, sich somit keine Sklavenhaltergesellschaft herausbildete und die Klassengegensätze sich nicht entfalten konnten.

    Ab dem 15. Jahrhundert fand in Europa eine Internationalisierung des Handels statt, und europäische Gesellschaften brachen mit Schiffen in die Welt auf. Dies führte dazu, dass Gesellschaften, die sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befanden, aufeinandertrafen: die spätfeudalen/frühkapitalistischen europäischen Gesellschaften und ur- oder halbfeudale Gesellschaften in Afrika, Asien und Amerika. Dies hatte weitreichende Konsequenzen: Einerseits machten die westlichen Gesellschaften rasante Entwicklungssprünge, während den weniger entwickelten Gesellschaften die Kapazitäten für ein selbsttragendes wirtschaftliches Wachstum raubten. In Amerika wurden ganze Gesellschaften ausgelöscht, und die Gold- und Silbervorkommen wurden unter den Nagel gerissen. In Afrika wurden europäische Handelsgüter gegen Sklaven eingetauscht – unter anderem, um das Gold und Silber aus Amerika zu rauben. Dies zerriss die bisherigen Gesellschaften Afrikas, die nun begannen, sich gegenseitig zu bekriegen, um Gefangene nehmen zu können, die sie an die Europäer gegen Handelswaren verkauften. Teilweise boten sie sogar eigene Gesellschaftsmitglieder den Europäern an.

    Nach der Sklaverei war der gewachsene Kapitalismus in Westeuropa und Nordamerika in der Lage, die ganze Welt in ein globales Produktionsnetzwerk einzubeziehen. Der Sklavenhandel wurde durch den Kolonialismus abgelöst. Dies geschah dort am schnellsten, wo die Europäer bereit waren, andere Güter (wie z.B. Elfenbein, Gummi, Palmenerzeugnisse usw.) einzutauschen. In den afrikanischen Gesellschaften entwickelten sich die europäischen Handelswaren zunehmend von Luxus- zu alltäglichen Konsumgütern. Der alltägliche Konsum europäischer Handelsgüter führte dazu, dass in den afrikanischen Gesellschaften schnell die Bereitschaft entstand, eine Alternative zum Sklavenhandel zu organisieren. Die europäischen Handelsgesellschaften erlangten ein unfassbares Vermögen, und die europäischen Hafenstädte entwickelten sich zu den Zentren der kapitalistischen Entwicklung. Neben dem direkten Raub an Ressourcen und Menschen zerstörten die Europäer auch vorhandene Entwicklungen. Das bekannteste Beispiel ist vermutlich die Zerstörung der indischen Textilindustrie, an der Großbritannien mit allen Mitteln arbeitete.

    In dem entstehenden Kolonialsystem war eines der wichtigsten Merkmale, dass Afrikaner als wirtschaftliche, politische und kulturelle Vertreter der Kolonisatoren dienten. Ein zentrales Mittel, um dies zu erreichen, war die koloniale Bildung. Die Kolonisten errichteten Handelsbarrieren, und die Kolonien wurden gezwungen, lediglich mit ihrem Mutterland Handel zu treiben. Dieses bestimmte die Handelsbedingungen und fand einen Markt vor, auf dem es selbst die schlechteste Ware absetzen konnte, weil es keine Konkurrenz gab. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der rasante Fortschritt in den kapitalistischen (und später imperialistischen) Ländern auch aus diesem international gewachsenen Verhältnis resultierte. Die Entwicklung und der Fortschritt wurden zu einem Resultat der Unterentwicklung und Unterdrückung.

    Während sich in Europa mit der aufsteigenden Entwicklung der Produktionsweisen parallel die Klassengegensätze weiter entfalteten und schließlich auf zwei Klassen (Proletariat und Bourgeoisie) konzentrierten, entstand in einem Großteil der Welt als entscheidender Gegensatz der zwischen verschiedenen Gesellschaften (Mutterland und Kolonie). Dieser Gegensatz lenkte die Entwicklung, indem von außen bestimmt wurde, an welchem Ort, auf welche Weise und was produziert wurde. Der Klassenkampf ist in jenen Ländern, denen die Möglichkeiten für eine selbstständige Entwicklung genommen wurden, unmittelbar mit der Wiedererlangung eben dieser verknüpft.

    All das widerspricht nicht der gesetzmäßigen und stufenweisen Folge von Produktionsweisen, die sich welthistorisch durchgesetzt hat. Auch in Afrika, Amerika und Asien vollzog sich eine Entwicklung der Produktionsweise bis zu einer bestimmten Stufe. Diese Gesellschaften wurden alle auf die ein oder andere Weise in das kapitalistische Produktionssystem eingebunden. Die verschiedenen Entwicklungsstufen setzten sich in einem internationalen Maßstab durch und bedingten den internationalen Verkehr (z.B. das Aufkommen der Schifffahrt und des Seehandels) – wie sich in den Beziehungen zwischen Europa, Afrika, Asien und Amerika zeigt. Neben dem Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion bei privater Aneignung tritt zusätzlich der Widerspruch zwischen reichen entwickelten Ländern und jenen, aus denen Reichtum gezogen wird. Auch dieser Widerspruch drängt gesetzmäßig in Richtung der Sprengung der bisherigen (internationalen) Produktionsverhältnisse, da der internationale Handel und damit verbunden die Entwicklung der internationalen Produktivkräfte im Gegensatz zu der Kontrolle und den Fesseln durch einige wenige Länder und ihrer Bourgeoisie steht, die den internationalen Austausch kontrollieren. Ist es dann nicht so, dass auch in diesen Gesellschaften die Widersprüche in Richtung einer kommunistischen Produktionsweise drängen, um aus dem System der Beherrschung und Unterdrückung auszubrechen?